Vor Half Man wollte Richard Gadd nur eine Nebenrolle spielen

Richard Gadd spielt in Half Man die Hauptrolle, obwohl er das nie wollte. Der Baby-Reindeer-Schöpfer wollte ursprünglich nur einen Kurzauftritt, doch der Serienerfolg änderte alles. Für Zuschauer bedeutet das: Gadd steht wieder vollständig im Mittelpunkt einer Geschichte, die er sieben Jahre mit sich trug.
Artikel-Inhalt
Sieben Jahre vom Skript zur Serie
Das erste Pilotskript zu Half Man schrieb Gadd bereits 2019. Dann wurde Baby Reindeer in Auftrag gegeben, und das Projekt verschwand für vier Jahre in der Schublade. Erst nach dem Abschluss von Baby Reindeer griff er das Material wieder auf, und zwei intensive Jahre später stand die Serie.
Gegenüber Deadline erklärte Gadd: 'Teil von mir dachte, als ich es in die Schublade legte, dass ich es vielleicht nie wieder herausnehmen würde. Aber ich konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass ich es unbedingt machen wollte.' Das Projekt hatte ihn schlicht nicht losgelassen.
Die Handlung spannt sich über drei Jahrzehnte und beginnt in Glasgow der 1980er Jahre. Die jungen Versionen von Ruben und Niall werden von Stuart Campbell und Mitchell Robertson gespielt, bevor Gadd und Jamie Bell die Figuren als Erwachsene übernehmen.
Körper, Bart, Stimme: alles neu
Ursprünglich wollte Gadd in Half Man allenfalls eine Nebenrolle übernehmen. Er hatte sogar einen der Polizisten im Blick. Doch der Druck von HBO und BBC, ihn in einer tragenden Rolle zu zeigen, war erheblich, und auch Jamie Bell drängte ihn ausdrücklich dazu.
Die eigentliche Herausforderung: Wie bringt man das Publikum dazu, in Donny Dunn den einschüchternden Ruben Pallister zu sehen? Gadds Antwort war eine vollständige Transformation. Er veränderte seinen Körper durch intensives Training, änderte Frisur, Bart und Stimme. 'Ich wollte spüren, wie es sich anfühlt, sich in seinem Körper mächtig zu fühlen', sagte er.
Das physische Ungleichgewicht zwischen ihm und Bell zahlte sich auf der Leinwand aus. In gemeinsamen Szenen überragte Gadd seinen Co-Star merklich, was die Dynamik zwischen dem dominanten Ruben und dem verletzlicheren Niall visuell unterstrich.
Warum Jamie Bell die erste Wahl war
Gadd schreibt Figuren nie für bestimmte Schauspieler. Er entwickelt zuerst den Charakter, dann folgt die Besetzung. Bei einem ersten Traumbesetzungs-Gespräch fiel der Name Jamie Bell fast beiläufig, und Gadd war sofort überzeugt.
'Ich habe ihn immer für unterschätzt gehalten', sagte Gadd. Bell bringe eine Verletzlichkeit mit, die für Niall unverzichtbar sei: eine Figur, die den Zuschauer an seine Grenzen bringt, aber trotzdem Sympathie verdient. Ähnlich wie Jess Gunning in Baby Reindeer kam Bell früh an Bord und setzte den Maßstab für den Rest der Besetzung.
Die Chemie zwischen den beiden entwickelte sich schnell, manchmal zu schnell. Gadd räumte ein, dass er und Bell sich so gut verstanden und so viel lachten, dass es gelegentlich die Konzentration am Set herausforderte.
200 Kandidaten für zwei Rollen
Für die jugendlichen Versionen von Ruben und Niall sichtete das Team rund 200 Bewerber. Mitchell Robertson und Stuart Campbell gehörten zu den allerersten fünf, die vorsprechen durften, und Gadd war von Anfang an von ihnen überzeugt. Dennoch durchlief man den gesamten Casting-Prozess, bevor man zu den ursprünglichen Favoriten zurückkehrte.
Gadd verbot den beiden ausdrücklich, die späteren Episoden zu lesen. Die Figuren verändern sich als Erwachsene stark, und er wollte nicht, dass die Jungschauspieler diese Entwicklung vorwegnehmen. 'In eurem Zeitalter wisst ihr noch nicht, wohin ihr geht. Ich will, dass ihr die Verkörperung von Jugend und ihrer Verwirrung seid', erklärte er ihnen.
Das Ergebnis überzeugte ihn vollständig. Die jungen Darsteller kamen stets textfest ans Set und brachten nach Gadds Einschätzung eine Seele in die Figuren, die über das Drehbuch hinausging.
Glasgows 80er als Spiegel verdrängter Männlichkeit
Die Entscheidung für das Glasgow der 1980er Jahre war kein nostalgischer Reflex, sondern eine dramaturgische: Das Jahrzehnt gilt in Großbritannien als Inbegriff gesellschaftlicher Intoleranz. 'Wenn jemand etwas Inakzeptables sagt, heißt es: Ich wusste nicht, dass es noch die 80er sind', so Gadd. Diese Atmosphäre diente ihm als Repressionswerkzeug für beide Hauptfiguren.
Gadds Musikgeschmack, der kaum über die 1980er hinausgeht, prägte den Soundtrack entscheidend. Er nannte The Stranglers und Echo and the Bunnymen als Beispiele für Songs, die er mit der Haltung seiner Figuren verband. Musik entstand bei ihm immer vor dem Schreiben, als eine Art emotionaler Bauplan.
Die Struktur der Serie folgt einem ungewöhnlichen Muster: Jede Episode setzt an einem entscheidenden Schnittpunkt in der Beziehung der beiden Männer an, Jahre liegen zwischen den Sprüngen. Den Rahmen bildet Nialls Hochzeit, ein klassischer Schauplatz für dramatische Zuspitzungen, der laut Gadd von Anfang an feststand und sich nie veränderte.
Mehr zu „Half Man"

Richard Gadd spricht über die härteste Szene in Half Man
Eine einzige Szene verändert, wie man Half Man versteht. Richard Gadd erklärt, warum die Krankenhaus-Konfrontation in Episode vier der emotionale Kern der HBO-Max-Serie ist. Wer diese Szene gesehen hat, schaut Ruben und Niall danach mit anderen Augen an.

Wegen Richard Gadd schauen jetzt viele zum ersten Mal Half Man
Drei Emmys für autobiografisches Trauma, jetzt der Sprung ins Fiktionale. Gadd schreibt und produziert Half Man erneut selbst, doch die Geschichte von Ruben und Niall ist diesmal erfunden. Ob sein Stil ohne persönliche Vorlage trägt, ist die eigentliche Frage dieser Serie.

Jamie Bell schrieb mit 14 BAFTA-Geschichte, jetzt kämpft er mit Half Man um den Emmy
Jamie Bell gewann mit 14 den BAFTA, doch der Emmy blieb ihm bislang verwehrt. In Half Man tritt er nun gegen seinen eigenen Co-Star Mitchell Robertson an, beide im selben Hauptdarsteller-Rennen. Zwei Schauspieler, eine Rolle, eine Trophäe.
Artikel geschrieben von:

Laura Klein ist spezialisiert auf Sci-Fi, Fantasy und Mystery-Serien mit geschultem Blick für Erzähltempo und Figurenentwicklung.
Alle Artikel von LauraLaura hat 2 weitere Artikel zur selben Serie verfasst.