5 Sekunden Mimik, die im Gedächtnis bleiben: The Listeners trifft einen Nerv

Ein Summen, das niemand sonst hört, verändert alles. Jodie Comer spielt in "The Listeners" eine Englischlehrerin, die ab diesem Freitag auf Starz ihren Verstand zu verlieren scheint. Die Serie trifft einen Nerv, weil sie Paranoia und Isolation körperlich spürbar macht.
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Worum geht es in der Serie?
Hall spielt Claire, eine Englischlehrerin in einem Vorort, der Liverpool ähneln könnte. Sie führt ein geordnetes Leben mit ihrem Immobilienentwickler-Ehemann Paul (Prasanna Puwanarajah) und ihrer Tochter Ashley (Mia Tharia), bis sie beginnt, ein tieffrequentes Summen wahrzunehmen, das niemand sonst zu hören scheint.
Das Summen bleibt nicht harmlos. Claire leidet unter Schlafentzug, Nasenbluten und kurzen Aussetzern. Ihr Schüler Kyle, gespielt vom Newcomer Ollie West, teilt dasselbe Phänomen. Gemeinsam stoßen sie auf eine Selbsthilfegruppe unter der Führung von Omar (Amr Waked) und Jo (Gayle Rankin), die das Summen nicht als Fluch, sondern als Gabe betrachten.
Drehbuchautor Jordan Tannahill basierte die Serie auf seinem gleichnamigen Roman, der ein reales Phänomen aufgreift: Menschen weltweit berichten von unerklärlichen Tieffrequenzgeräuschen. Ursachen reichen von Industrielärm über psychologische Faktoren bis hin zu schlicht unerklärten Mysterien.
Halls Spiel: Feinste Mimik, große Wirkung
Eine Aufnahme in der fünften Episode zeigt Claire in einem Zustand zwischen Lachen und Weinen. Jeder Muskel in Halls Gesicht arbeitet gleichzeitig: Die einen halten das Lächeln aufrecht, die anderen kapitulieren vor der Erschöpfung. Es ist eine Fünf-Sekunden-Einstellung, die sich ins Gedächtnis brennt.
Hall spielt Claire als passive und aktive Protagonistin zugleich. Zuhören ist ihre Haupthandlung, und Hall macht daraus eine Form von stiller Intensität, die besonders für das Horrorgenre geeignet ist. Selbst wenn die Handlung stockt, hält Halls emotionale Offenheit das Publikum bei der Stange.
Gayle Rankin liefert als Jo die zweite bemerkenswerte Darstellung der Serie: quirlig, nie übertrieben, ein gelungenes Gegengewicht zu Halls zurückhaltendem Spiel. Leider verlieren die Figuren Omar und Jo an Tiefe, je mehr die Serie über sie preisgibt.
Regie und Atmosphäre überzeugen stilistisch
Regisseurin Janicza Bravo nähert sich dem Stoff wie einem schwelenden Thriller der 1970er Jahre: kräftige rote Titelschriften, langsame Zooms, methodische Kamerabewegungen, die Gedankenprozesse sichtbar machen, wo körperliche Handlung fehlt. Der visuelle Stil erinnert an Polanski und Bertolucci.
Devonté Hynes komponierte den unheimlich-atmosphärischen Soundtrack, Steve Fanagan zeichnet für das Sounddesign verantwortlich. Beide Elemente tragen wesentlich zur bedrohlichen Grundstimmung bei, die die Serie trotz ihrer Schwächen zusammenhält.
Bravo und Tannahill arbeiten dabei in entgegengesetzte Richtungen: Das Drehbuch drängt Zuschauer aktiv zu Schlussfolgerungen, die Regie bleibt kühl und vieldeutig. Diese Spannung ist handwerklich respektabel, aber nicht immer befriedigend.
Thematische Stärken, narrative Schwächen
Das Summen steht für kollektive Entfremdung: Verschwörungstheorien, religiöse Kulte und Einsamkeit im digitalen Raum wachsen alle aus demselben Bedürfnis, gehört zu werden. Diese Beobachtung hat echte Tiefe. Claires Englischklasse beschäftigt sich ein ganzes Semester lang mit der Zeile 'Liebe ist eine Krankheit' aus Hundert Jahre Einsamkeit, während sie gleichzeitig die Schulproduktion von 'Spring Awakening' betreut. Die symbolischen Verweise werden zu aufdringlich unterstrichen.
Im direkten Vergleich erinnert die Serie an Wayward von Netflix, an eine ärmlichere Version von 'The Leftovers' oder an eine weniger durchgeknallte Variante von 'The OA'. Wer klare Antworten auf das Mysterium erwartet, wird enttäuscht. Die Serie fragt nicht 'Was ist das Summen?', sondern 'Was bedeutet es?', und die Antwort bleibt bewusst vage.
Einige Figuren aus der Selbsthilfegruppe bleiben bloße Typen ohne erkennbare Tiefe. Positiv fällt dagegen Tochter Ashley auf: Mia Tharia verleiht ihr gesunden Menschenverstand und bricht damit das Klischee des nervigen Teenagers im Prestige-Fernsehen.
Fazit: Sehenswert trotz Frustrationspotenzial
Die Serie verbindet ambitionierte Ideen mit handwerklichen Unsicherheiten, die Hall häufig im Alleingang überbrücken muss. Das gelingt ihr. Wer sich auf das ruhige Tempo und die thematische Offenheit einlässt, findet eine ungewöhnliche Produktion mit einer der stärksten Einzelleistungen der Saison.
Wer hingegen befriedigende Auflösungen erwartet und sich an den offenen Enden von Serien wie 'Lost' gestört hat, dürfte auch hier frustriert sein. Mehrere Etappen des Finales wirken unnötig rätselhaft, das eigentliche Ende der Serie überzeugt dagegen.
Für DACH-Zuschauer dürfte die Serie voraussichtlich über Sky oder WOW verfügbar sein, wie es bei britischen Produktionen dieses Kalibers üblich ist. Ein offizieller Starttermin steht noch aus.
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Artikel geschrieben von:

Julia Fischer analysiert Serien mit besonderem Fokus auf erzählerische Details, Charakterentwicklung und Genre-Mix.
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