Warum Half Man mit seinem Ende bewusst unbequem bleibt

Half Man lässt einen nicht los, auch wenn die letzte Episode endet. Jamie Bell und Richard Gadd spielen zwei Männer, deren Beziehung zwischen Bruderschaft, Missbrauch und etwas Unaussprechlichem pendelt. Wer Abschluss sucht, wird ihn hier nicht finden, und das ist Absicht.
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Was 'Half Man' erzählt
Die Serie spielt im Schottland der 1980er Jahre und folgt zwei Jungen, die als Teenager zusammengeworfen werden, nachdem ihre Mütter eine Beziehung eingehen. Der schüchterne Niall, als Jugendlicher von Mitchell Robertson und als Erwachsener von Jamie Bell gespielt, und der explosive Ruben, verkörpert von Stuart Campbell in der Jugend und Richard Gadd als Erwachsener, könnten unterschiedlicher kaum sein.
Mit der Zeit wandelt sich ihr Verhältnis von Feindschaft und Missbrauch zu einer Art Bruderschaft, unterlegt von einem sexuellen, möglicherweise inzestuösen Unterton. HBO-Chef Casey Bloys hatte nicht übertrieben, als er die Serie als 'intensiv' bezeichnete.
Jede Episode wird durch Gegenwartsszenen gerahmt, in denen Niall seine Hochzeit mit Alby feiert, gespielt von Bilal Hasna als Student und Charlie de Melo als Erwachsener. Dann taucht Ruben, frisch aus dem Gefängnis entlassen, ungeladen auf. Diese Szenen wurden in drei Drehtagen in einer abgelegenen Scheune in Schottland gedreht und steigern sich bis zum Finale in bedrohliche Spannung.
Ruben: Toxisch und trotzdem fesselnd
Gadd beschreibt seine Figur Ruben als zweigespalten: 'Es gibt den berechnenden Ruben und den explosiven, impulsiven Ruben.' Beide Seiten seien gefährlich, beide zögen das Publikum dennoch in ihren Bann. Manche Zuschauer könnten am Ende sogar eher mit Ruben mitfiebern als mit Bells zunehmend selbstmitleidigem Niall.
Stuart Campbell, der den jungen Ruben spielt, arbeitete eng mit Mitchell Robertson zusammen, um die emotionale Tiefe der Figur zu erschließen. 'Wir wurden sehr schnell ziemlich enge Freunde', sagt Campbell. 'Ich konnte mich bei ihm sicher fühlen, verletzlich zu sein, mich herauszufordern und an die Orte zu gehen, die die Beziehung und das Drehbuch verlangen.' Diese Vertrautheit war auch praktisch nötig: Für eine Szene im zweiten Episode, in der Ruben den Kopf von Nialls Freund wiederholt tritt, verwendete Campbell im echten Dreh einen Sandsack.
Der inzestuöse Unterton der Beziehung
Die sexuelle Spannung zwischen den Stiefbrüdern wird in der Serie nie explizit benannt, schwebt aber durchgehend im Raum. Robertson sagt, er habe diesen Aspekt nicht bewusst gespielt. Für ihn wurzelt Nialls Obsession in Bewunderung und Faszination.
Gadd hingegen bestätigt den Unterton offen: 'Ich glaube, ihre Beziehung ist von Natur aus kompliziert. Es ist Idolisierung vermischt mit Liebe, vermischt mit Hass, mit Anbetung und Bedürfnis. Sie haben ihr ganzes Leben untrennbar miteinander verbracht und kannten doch nie die ganze Tiefe ihrer Gefühle füreinander.' Campbell ergänzt, Rubens Verhältnis zu Niall sei geprägt von einem ständigen Ineinandergreifen von Schutzinstinkt und Besitzanspruch.
Diese Vieldeutigkeit zieht sich durch alle sechs Folgen und kulminiert in einem Finale, das Fragen bewusst offen lässt. Bereits in Episode vier erfährt das Publikum, dass Ruben sterben wird. Ob er Niall dabei mit in den Abgrund reißt, bleibt bis zum Schluss unklar.
Intimität am Set: Koordinatoren und Fürsorge
Angesichts der belastenden Themen legte das Produktionsteam großen Wert auf das emotionale Wohlbefinden der Besetzung. Für eine der herausforderndsten Szenen der ersten Episode, in der Ruben Niall zur Entjungferung drängt und dabei bleibt, waren gleich zwei Intimacy-Koordinatoren im Einsatz.
Campbell beschreibt die Szene als auf dem Papier deutlich beängstigender als im tatsächlichen Dreh. 'Für mich verstärkt diese Szene Nialls fehlendes Gefühl von Selbstbestimmung', sagt er. Julie Cullen, die Nialls Studienkollegin Joanna spielt, hebt hervor, dass das gesamte Team die Schauspieler dazu ermunterte, nach intensiven Szenen miteinander zu sprechen. 'Wir hatten viele Menschen, die uns durch alles halfen, was wir brauchten. Und wir brauchten es tatsächlich.'
Das Finale: Offen, hart, polarisierend
Der Dreh des finalen Aufeinandertreffens zwischen Gadd und Bell war körperlich zermürbend. Der enge Zeitplan ließ nur wenige Aufnahmen zu. 'Es fühlte sich an wie etwas, bei dem man tief Luft holen und einfach alles geben musste', erinnert sich Gadd.
Das Ende wird das Publikum voraussichtlich spalten, weil es mehrere Fragen bewusst unbeantwortet lässt. Gadd sieht darin keine Schwäche, sondern eine Haltung: 'Ich glaube nicht, dass glückliche Enden oder auch nur abschließende Enden wirklich dem Leben entsprechen.' Für einen Showrunner, der mit 'Baby Reindeer' bereits gezeigt hat, dass er Unbehagen als künstlerisches Mittel versteht, ist das eine konsequente Aussage.
Das Finale von 'Half Man' ist am 28. Mai 2026 bei HBO Max verfügbar. Die Serie ist eine Koproduktion von HBO und BBC und wurde in Schottland gedreht.
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Artikel geschrieben von:

Laura Klein ist spezialisiert auf Sci-Fi, Fantasy und Mystery-Serien mit geschultem Blick für Erzähltempo und Figurenentwicklung.
Alle Artikel von LauraLaura hat einen weiteren Artikel zur selben Serie verfasst.