Jahre lang in der Schublade: Wie Vince Gilligans Casting-Team Karolina Wydra wiederentdeckte

Ein alter Ordner mit handgeschriebenen Notizen rettet eine Karriere. Karolina Wydra, bekannt aus 'True Blood' und 'Agents of S.H.I.E.L.D.', kehrt als Zosia in Vince Gilligans neuer Serie 'Pluribus' zurück. Ihr Comeback beweist, wie Gilligans Archiv-System Talente vor dem Vergessen bewahrt.
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Eine Schublade rettet eine Karriere
Das Casting-Team hinter Vince Gilligans Serien, von 'Breaking Bad' bis 'Better Call Saul', führt ein physisches Archiv mit handgeschriebenen Notizen zu jedem Schauspieler, der je für eine ihrer Produktionen vorgesprochen hat. Als die monatelange Suche nach der richtigen Darstellerin für die Figur Zosia in 'Pluribus' erfolglos blieb, griff Casting-Direktor Russell Scott zu einem alten Ordner. Darin stieß er auf ein Foto von Karolina Wydra.
Scott soll laut Wydra gesagt haben: 'Lass uns sie sehen. Was ist eigentlich aus ihr geworden?' Die Frage war berechtigt. Wydra hatte nach der Geburt ihres Sohnes Atticus während der Pandemie ihre Karriere pausiert, um Vollzeitmutter zu werden. Ihre Agentur trennte sich von ihr, sie bekam einen zweiten Sohn, und als sie mit 42 Jahren bereit war zurückzukehren, fehlten ihr Agentin, Manager und jeder Kontakt zur Branche.
Die Einladung zum Vorsprechen erreichte sie schließlich über eine alte Werbeagentur, die sie noch in ihren Unterlagen hatte. 'Ich sah nur Vince Gilligan, Apple TV, und mein Körper geriet buchstäblich in totalen Schock', erzählt Wydra. Sie wollte die Chance zunächst nicht wahrnehmen, entschied sich dann aber doch dafür, weil sie nichts zu verlieren hatte.
Zosia: Brücke zwischen zwei Welten
In 'Pluribus' schickt ein außerirdischer Kollektivgeist die Figur Zosia, um mit der Widerstandskämpferin Carol zusammenzuarbeiten, gespielt von Rhea Seehorn. Zosia ist die einzige Verbindung zwischen Carol und dem Rest der Menschheit, die von einem gemeinsamen Bewusstsein kontrolliert wird. Carol gehört zu lediglich 13 Menschen auf der Erde, die von diesem Kollektivgeist nicht befallen sind.
Die Rolle verlangt Schönheit, Intelligenz, Ruhe und Geduld gleichzeitig, eine Kombination, für die das Casting-Team zuvor weltweit gesucht hatte. Wydra erfüllt diese Anforderungen so überzeugend, dass sie zur eigentlichen Entdeckung der Serie geworden ist. 'Ich wollte immer gut im Schauspiel sein. Es ging mir nie um Ruhm', sagt sie.
Auf dem Set fand Wydra in Seehorn eine Verbündete, die sie als eine der fleißigsten Darstellerinnen beschreibt, mit denen sie je gearbeitet hat. Die beiden probten Szenen gemeinsam an Wochenenden und teilten sich täglich einen schlichten Donut auf dem Set, ein kleines Ritual, das die Zusammenarbeit prägte.
Jahrelang im Klischee gefangen
Wydra wurde 1981 in Polen geboren und wanderte 1992 im Alter von elf Jahren nach dem Ende des Kommunismus in die USA aus. Ihre Familie ließ sich in Costa Mesa nieder, weit entfernt von Hollywood, auch wenn die geografische Distanz gering war. Ihre Eltern wünschten sich für sie eine sichere Karriere, das Schauspiel wurde zu Hause nicht gefördert.
Stattdessen nährte Wydra ihre Ambitionen heimlich, inspiriert von europäischen Filmemachern wie Andrei Tarkowski, Luis Buñuel und Federico Fellini. Sie tauchte in die Indie-Filmszene New Yorks ein, bevor sie Mitte zwanzig professionell mit dem Schauspiel begann. Genrefans kennen sie aus 'True Blood' bei HBO und 'Agents of S.H.I.E.L.D.' bei Marvel, doch Hollywood drängte sie immer wieder in die Schublade der Femme fatale. 'Man wird sehr schnell in eine Schachtel gesteckt', erklärt sie. 'Die Leute sagen: Du bist zu hübsch, du kannst diese Rolle nicht bekommen.'
Eine Ausnahme war David Lynch, der sie 2017 für das Revival von 'Twin Peaks' besetzte. 'Es war das erste Mal, dass jemand mich wirklich heruntergezogen hat', erinnert sich Wydra. 'Er hat meine Zähne angemalt, mich zur Drogensüchtigen gemacht und alles weggestreimt, womit ich sonst immer hübsch aussehe.' Diese Erfahrung blieb prägend.
Gilligan gibt ihr Sicherheit
Auch nachdem Wydra die Rolle der Zosia bekommen hatte, blieb das Hochstapler-Syndrom. An einem frühen Drehtag, nervös und noch auf der Suche nach der Figur, schaute Vince Gilligan sie zwischen zwei Einstellungen an. Er sagte: 'Du gehörst hierher.' Für Wydra war das die Bestätigung, die sie brauchte.
Gilligan beschreibt sie nicht nur als brillanten Künstler, sondern auch als außergewöhnlichen Menschen. 'Ich lebe jenseits meiner kühnsten Träume', sagt Wydra über die Zusammenarbeit. Die zweite Staffel befindet sich derzeit in der Entwicklung; Wydra hat noch keine einzige Seite des neuen Drehbuchs gelesen.
Parallel dazu besucht sie wieder Schauspielkurse und hat Improvisationstheater für sich entdeckt. Auch das Theater reizt sie für die Zukunft. Das Hochstapler-Syndrom sieht sie mittlerweile als Antrieb: 'Vielleicht ist das Geschenk daran, dass ich mich nie zufriedengeben werde.'
Emmy-Kandidatin mit klarer Haltung
Wydra zählt zu den bemerkenswerten Namen, die für eine Emmy-Nominierung als beste Nebendarstellerin in einer Dramaserie gehandelt werden. Dass eine Schauspielerin, die jahrelang ohne Vertretung war und sich aus der Branche zurückgezogen hatte, nun im Gespräch für eine der bedeutendsten Fernsehauszeichnungen ist, macht ihre Geschichte ungewöhnlich.
Abseits der Arbeit äußert sich Wydra auch zu ihrer Wahrnehmung der USA als Einwanderin. Sie erinnert sich an die Nacht von Barack Obamas Wahl 2008 in New York City: 'Die ganze Stadt wurde still, als er sprach. Alle kamen zusammen, und man fühlte sich als Einheit. Es fühlte sich an, als wäre der amerikanische Traum lebendig.' Diese Zeit vermisst sie.
Ihre Eltern lebten diesen amerikanischen Traum, kauften ein Haus und bauten ein gutes Leben auf. Was sie heute in den USA beobachtet, beschreibt Wydra als herzzerreißend. Diese Reflexion kommt von jemandem, der den Wert dieses Landes aus eigener Erfahrung kennt und ihn gerade schwinden sieht.
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Artikel geschrieben von:

Nina Wolf ist Redakteurin bei serien.de mit Fokus auf Sci-Fi, Fantasy und Mystery-Formate und langjähriger Streaming-Erfahrung.
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