Rubens Welt bricht in Half Man an einem einzigen Versprechen auseinander

Rubens Identität zerbricht an einem einzigen gebrochenen Versprechen. Jamie Bell spielt Niall in Folge 5 von Half Man auf HBO Max mit verstörender Präzision. Wer glaubte, Ruben sei stabil, wird in dieser Folge eines Besseren belehrt.
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Nialls Provokationen treiben Ruben in die Enge
Niall Kennedy, gespielt von Jamie Bell, beherrscht die Kunst der Provokation in dieser besonders beklemmenden Folge wie kein anderer. Seine Fähigkeit, genau die richtigen Knöpfe zu drücken, macht ihn zur gefährlichsten Figur in Rubens unmittelbarer Umgebung.
Als Ruben Niall bittet, das Gespräch in die Scheune zu verlegen, ahnt der Zuschauer bereits, was kommen wird: Die Scheune wird, wie das Ende der vierten Folge andeutet, der Ort sein, an dem Ruben selbst als Toter herausgetragen wird. Die Einladung in diesen Raum ist damit mehr als eine dramaturgische Entscheidung.
Gadd beschreibt Niall als das Zentrum eines Tornados, in den alle anderen hineingezogen werden. Niemand werde dabei stärker mitgerissen als Ruben selbst.
Rubens Plan und sein innerer Widerspruch
Ruben hat sein gesamtes Leben auf einem Gegenentwurf zu seiner eigenen Kindheit aufgebaut. Er wollte der moralische Vater sein, die stabile Familie haben, das schöne Haus besitzen. Dieser Plan war für ihn nicht nur ein Lebensziel, sondern ein Heilungsversprechen an sich selbst.
Gadd erklärt dazu: 'Rubens Plan ist tief in den Schaden eingebettet, den er erfahren hat. Er wird ein Kind großziehen, genau entgegengesetzt zu der Art, wie er selbst aufgewachsen ist. Er wird dieser moralische Vater sein, er wird die Familie haben, die Ehefrau, das schöne Haus. Das ist die Figur, die er sich selbst erzählt hat, und das wird sein, was die Vergangenheit heilt.'
Das Problem: Dieser Charakter, den Ruben für sich entworfen hat, ist fragil. Sobald Niall wieder in sein Leben tritt, beginnt die sorgfältig konstruierte Fassade zu bröckeln.
Ava, Mona und das Vertrauen
Auch Avas Rolle, gespielt von Anjli Mohindra, offenbart in dieser Folge eine neue Dimension. Ihr Vater hatte Ruben Geld gegeben, um Schulden zu begleichen. Ruben gab das Geld nie zurück, sondern gab es für sich selbst aus. Diese Enthüllung wirft ein hartes Licht auf seinen Charakter.
Ruben reagiert auf Avas Konfrontation mit einem Satz, der seinen Kontrollwunsch bloßlegt: 'Sie hat es nicht. Wir sind verheiratet. Ich habe es. Es gehört ihr nicht, um damit zu prahlen. Es gehört mir, um es zu behalten.' Dieser Satz zeigt, wie sein Selbstbild als Familienoberhaupt in Besitzansprüche umschlägt.
Mona, gespielt von Amy Manson, steht auf der anderen Seite dieses Geflechts. Trotz allem, was zwischen ihr und Ruben liegt, gesteht sie: 'Nach allem, was wir durchgemacht haben, vertraue ich dir immer noch mehr als irgendjemand anderem.' Dieses Vertrauen macht sie besonders verletzbar.
Fünfte Folge: Alte Wunden, neues Unglück
Gadd beschreibt seine Intention für die fünfte Folge so: Er sah die Beziehung zwischen Ruben und Niall als die zweier Menschen, zwischen denen zu viel Schmerz liegt, die es aber noch einmal versuchen. Sie können die Vergangenheit nicht abschütteln, und so entlädt sie sich in kleinen Sticheleien, bis alles eskaliert.
'Es ist dieses fast gegenseitige Aufrechnen, das an einen sehr dunklen Ort führt', sagt Gadd. Die Folge funktioniert damit als Studie darüber, was passiert, wenn zwei Menschen, die sich schaden, nicht voneinander loskommen.
Niall, so Gadd weiter, unterdrückt sich selbst so stark, dass er es kaum noch aushält. Sein Verhalten und sein Leben geraten außer Kontrolle und werden zu einer zerstörerischen Kraft, die er selbst und alle um ihn herum zu spüren bekommen. Auch Benji bleibt davon nicht verschont.
Tragödie, Wandel und Erlösung
Gadd stellt in seinen Aussagen zur Serie eine grundlegende Frage: Ist ein Mensch zu einem echten, grundlegenden Wandel fähig? Er glaubt an Erlösung, betont aber die Tragik in Rubens Geschichte. Vielleicht, so Gadd, hätte Ruben sein Leben langsam gewendet und ein zufriedenes Leben mit Mona geführt, wäre Niall nicht wieder aufgetaucht.
Im Kern, so Gadd, trägt Ruben den Wunsch, gut zu sein. Dieser Wunsch ist echt und macht seine Geschichte umso tragischer. 'Ich denke, im Grunde seines Herzens, was zur großen Tragödie seiner Reise spricht, hat er den Wunsch, gut zu sein.'
Niall hingegen wird als warnendes Beispiel gezeichnet: Sein verzweifeltes Bedürfnis nach Geheimhaltung und Unterdrückung, sein Mangel an Kommunikation korrumpiert am Ende seinen Geist, bis auch alle anderen in seinem Leben korrumpiert sind. Gadd fasst es schlicht zusammen: 'Diese beiden Figuren sind einander nicht entkommen.'
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Artikel geschrieben von:

Emma Mueller ist Serienredakteurin mit klarem Fokus auf spannungsgetriebene Formate wie Action, Drama und Mystery.
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