Hinter den Kulissen von Euphoria fehlt laut Fans eine Gruppe fast vollständig

Ausgerechnet das offizielle Making-of entfachte die Debatte. HBO Max veröffentlichte selbst das Hinter-den-Kulissen-Material zu Staffel 3, das die männlich dominierte Crew rund um Sweeney sichtbar machte. Dass die Kritik durch eigenes Promo-Material ausgelöst wurde, trifft die Produktion besonders hart.
Artikel-Inhalt
Das Video und seine Wirkung
Als Euphoria Staffel 3 Mitte April Premiere feierte, verbreitete sich auf Social Media ein Hinter-den-Kulissen-Clip einer Szene mit Sydney Sweeney, die in der Serie die Rolle der Cassie (Sydney Sweeney) spielt. Zu sehen ist, wie Sweeney in einem knappen rot-weißen Bikini auf einer Sonnenliege am Pool posiert, umgeben von mehreren Crewmitgliedern, die sich auf die Aufnahme vorbereiten. In der Szene filmt Alexa Demies Figur Maddy (Alexa Demie) Inhalte für Cassies OnlyFans-Account.
Das Originalvideo wurde zwar gelöscht, doch nicht bevor es vielfach weiterverbreitet wurde. Viele Nutzerinnen und Nutzer reagierten irritiert: 'Wie unangenehm muss es sein, all diese Szenen mit einem Haufen alter Männer zu drehen', schrieb eine Person auf X. Andere fragten, warum keine Frau aus der Produktion anwesend sei.
Auch ein offizielles Hinter-den-Kulissen-Video zu Episode fünf, diesmal zu einer Monsterszene, zeigte dasselbe Bild: Sweeney, umringt von einer überwiegend männlichen Crew. Auf Reddit kommentierte ein Nutzer, die Frauen in der Serie wirkten 'mehr beobachtet als verstanden', die Kamera scheine mit ihren Körpern fasziniert zu sein, anstatt ihre Perspektive wirklich einzunehmen.
Zahlen belegen das strukturelle Problem
Der ReFrame Report, eine Initiative des Sundance Institute und der Organisation WIF in Zusammenarbeit mit IMDbPro, dokumentiert die Geschlechterverteilung in technischen Filmberufen. Die Auswertung für 2024/25 zeigt: Trotz kleiner Fortschritte bei den Top-100-Serien hat sich seit 2020 insgesamt kaum etwas verändert.
Frauen, nicht-binäre und trans Personen stellen nur 26 Prozent der Kamerahauptverantwortlichen, 33 Prozent der Produktionsleiterinnen und -leiter, 39 Prozent der Produktionsdesignerinnen und -designer sowie 46 Prozent der ersten Regieassistentinnen und -assistenten. Zwar gab es in einigen Bereichen leichte Zuwächse, darunter bei Produktionsdesign mit einem Plus von 10,5 Prozent. Bei Lineproducerinnen und Komponistinnen gingen die Anteile jedoch um 7,5 beziehungsweise 4 Prozent zurück.
Besonders aufschlussreich ist eine Studie der San Diego State University: Projekte mit mindestens einer Frau in einer Kreativrolle beschäftigen 42 Prozent Frauen als Regisseurinnen, 62 Prozent als Autorinnen und 32 Prozent als Editorinnen. Bei Projekten unter männlicher Führung liegt der Frauenanteil in all diesen Bereichen bei jeweils nur 20 Prozent.
Levinsons Show von Anfang bis Ende
Kirsten Schaffer, Geschäftsführerin von WIF, zeigt sich wenig überrascht vom Euphoria-Clip. Sie verweist auf Showrunner Sam Levinson, der nicht nur alle Episoden der Serie schreibt, sondern auch sämtliche Folgen selbst inszeniert. Die Besetzung der Crew liegt damit maßgeblich in seiner Verantwortung.
Schaffer formuliert es direkt: 'Weil Euphoria so starke weibliche Hauptfiguren hat, erwartet man einfach, dass sich das auch hinter der Kamera widerspiegelt. Wenn man das dann nicht sieht, ist man überrascht.' Und weiter: 'Es war für mich ein bisschen überraschend, aber je mehr ich darüber nachgedacht habe, desto klarer wurde mir: Das ist wirklich seine Show von Anfang bis Ende. Er führt bei allen Episoden Regie. Es ist letztlich enttäuschend, aber nicht überraschend.'
Eine Anfrage an HBO blieb ohne Antwort. Die Debatte trifft die Serie zu einem sensiblen Zeitpunkt: Seit Beginn der drei Staffeln umfassenden Laufzeit wird Euphoria immer wieder vorgeworfen, Frauen zu sexualisieren, anstatt ihre Innenperspektive authentisch darzustellen.
Männliche Verbündete und Vorbilder
Schaffer betont, wie wichtig männliche Unterstützer in Führungspositionen sind. Sie nennt Bradley Cooper, den verstorbenen Chadwick Boseman und Chris Pratt, die öffentlich Gehaltstransparenz zugesagt und sich für gleiches Entgelt mit weiblichen Kolleginnen eingesetzt haben. Als weiteres Beispiel führt sie Regisseur Paul Feig an, der zuletzt den Film 'The Housemaid' mit Sydney Sweeney inszenierte und auf seinen Sets konsequent auf Geschlechtergerechtigkeit achtet.
Das Kernproblem beschreibt Schaffer prägnant: 'In den zentralen Entscheidungsrollen sitzen nach wie vor viele Männer, und die tendieren dazu, Menschen einzustellen, mit denen sie in ihrer Karriere am meisten gearbeitet haben. Und das sind eben auch überwiegend Männer.' Dieses Netzwerkprinzip perpetuiert die Ungleichheit über Generationen.
Einen Hoffnungsschimmer lieferte die Oscar-Verleihung dieses Jahres: Autumn Durald Arkapaw gewann als erste Frau überhaupt den Preis für die beste Kameraarbeit. Sie dankte Sinners-Regisseur Ryan Coogler dafür, ihr und anderen Frauen 'die Möglichkeit gegeben zu haben, zu glänzen, in einem kreativen Umfeld zu führen und Vertrauen zu genießen, was sehr selten passiert'.
Was sich jetzt ändern muss
Trotz der aktuellen Branchenkrise mit Budgetkürzungen, Produktionsverlagerungen und wachsenden Sorgen rund um künstliche Intelligenz fordert Schaffer, den Druck aufrechtzuerhalten. Gerade in schwierigen Zeiten sei es wichtig, bei der Geschlechtergleichstellung nicht nachzulassen, sondern die erzielten Fortschritte zu verteidigen und auszubauen.
Schaffer appelliert auch an das Publikum selbst: Wer Veränderungen hinter der Kamera sehen wolle, solle gezielt Filme und Serien unterstützen, die von Frauen produziert, inszeniert oder entwickelt wurden. Projekte, die das sogenannte ReFrame-Siegel tragen, stehen für geschlechterdiverse Produktionsteams.
Auszeichnungen wie der Oscar für Arkapaw seien laut Schaffer das 'wirksamste Mittel', um das Narrativ rund um technische Filmberufe zu verschieben. Sichtbarkeit schafft Vorbilder, Vorbilder schaffen Chancen: Diese Logik gilt gerade in einer Branche, in der persönliche Netzwerke über Karrieren entscheiden.
Mehr zu „Euphoria"

Britt-Gibson bricht Bishops Schweigen: Was hinter dem Euphoria-Finale steckt
Loyalität nach außen, Verrat nach innen: Bishops Doppelspiel ist das Finale. Alamo tötet Rue (Zendaya) mit Fentanyl, doch sein engster Vertrauter sorgt dafür, dass er im anschließenden Duell gegen Ali (Colman Domingo) schutzlos dasteht. Darsteller Britt-Gibson macht klar, dass Bishops Entscheidung kein Impuls war, sondern ein langer Plan.

Sweeney setzte sich durch: Wie sie Euphoria Staffel 3 prägte
Wer Cassie ohne explizite Szenen erwartet hatte, wird überrascht. Levinson zog die Idee in Betracht, Staffel 3 deutlich zurückhaltender zu inszenieren. Sweeney lehnte das ab, und Fans können sich auf eine Fortsetzung im bekannten Euphoria-Stil einstellen.

Kein Trost, aber Wahrheit: Was Levinson mit dem Euphoria-Finale wirklich sagen wollte
Rue Bennett stirbt, und Euphoria ist damit endgültig vorbei. Zendayas Figur erliegt in Staffel 3 einer Fentanyl-vergifteten Pille, HBO bestätigte das Serienende. Sam Levinson hat damit eine der schonungslosesten Sucht-Geschichten des amerikanischen Fernsehens zu ihrem logischen Ende gebracht.
Artikel geschrieben von:

Mia Braun ist Redakteurin bei serien.de mit Fokus auf moderne Streaming-Serien und detaillierte Episodenanalysen.
Alle Artikel von MiaMia hat 3 weitere Artikel zur selben Serie verfasst.