Wegen Yahya Abdul-Mateen II schaut man Wonder Man mit anderen Augen

Kein Comic-Wissen, trotzdem die Marvel-Hauptrolle. Abdul-Mateen II übernahm Wonder Man auf Disney+ allein wegen Regisseur Destin Daniel Cretton. Wer die Serie schaut, sieht eine Figur durch die Augen eines Fremden.
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Vom Architekten zum Marvel-Hauptdarsteller
Yahya Abdul-Mateen II hat keine klassische Schauspielkarriere hinter sich. Ursprünglich studierte er Architektur und Stadtplanung, bevor er Ende 20 den kompletten Berufswechsel wagte. 'Ich wusste nie, dass Schauspielerei ein echter Karriereweg sein könnte', sagte er in einem Interview. Der Antrieb war zunächst schlicht der Wunsch, den extrovertierten Teil seiner Persönlichkeit auszuleben.
Heute beschreibt Abdul-Mateen II Schauspielerei als investigative Kunst. Er erkunde Menschen und was sie antreibe, so der Darsteller. Diese Haltung prägt auch seinen Zugang zu Simon Williams, dem Protagonisten von Wonder Man, der auf Disney+ zu sehen ist.
Einen direkten Bezug zu seiner eigenen Vergangenheit zieht Abdul-Mateen II bei einer Szene aus der Serie: Kurz vor seinem Abschluss saß er in einem Proberaum und dachte, niemand wisse, was er zu bieten habe. Genau dasselbe Gefühl erlebt Simon Williams in der Serie. Für den Schauspieler war das ein echter Moment des Kreisschlusses.
Ein Marvel-Ticket, bewusst eingesetzt
Die Entscheidung für Wonder Man traf Abdul-Mateen II nicht leichtfertig. Mit dem Quellmaterial der Comics war er zunächst überhaupt nicht vertraut. Ausschlaggebend war Regisseur Destin Daniel Cretton, dessen Independentfilme wie 'Short Term 12' und 'Just Mercy' Abdul-Mateen II bereits begeistert hatten. Cretton signalisierte, die Serie im Stil seiner kleineren Produktionen angehen zu wollen.
Bevor er zusagte, bestand Abdul-Mateen II auf einem direkten Gespräch mit Marvel-Chef Kevin Feige. 'Ich weiß, dass ich nur ein Marvel-Ticket zu vergeben habe, und ich will es gut einsetzen', soll er Feige mitgeteilt haben. Feiges Antwort war knapp: 'Es wird gut investiert sein.' Außerdem machte Abdul-Mateen II deutlich, dass er der Welt zeigen wolle, dass er komödiantisches Talent besitze. Feige habe genau das gesehen und gewollt.
Zum Zeitpunkt der Zusage hatte Abdul-Mateen II ein bis zwei Drehbücher gelesen. Die Skripte überzeugten ihn durch ihren ungewöhnlichen Ton. Entscheidend für sein Ja war jedoch das Vertrauen in die Macher: Showrunner Andrew Guest und Cretton signalisierten von Beginn an, dass es eine echte Zusammenarbeit werden würde.
Simon Williams als Spiegel der Gesellschaft
Wonder Man wird von Kritikern als Metapher für Angst gelesen. Abdul-Mateen II sieht das anders, oder zumindest weiter: Er beobachtet in seiner Freizeit YouTube-Videos, in denen Zuschauer live auf die Episoden reagieren. 'Menschen aus allen Lebensbereichen sehen sich selbst in Simon', sagte er. Nicht nur Schauspieler oder Regisseure, sondern auch Podcaster und der Türsteher seines Gebäudes hätten sich angesprochen gefühlt.
Den Kern dieser Resonanz sieht Abdul-Mateen II im Menschsein selbst. 'Mensch zu sein ist super', formulierte er es pointiert. In einer Welt, die Perfektion und Ruhm fordere, sei das schlichte Menschsein das Verbindende. Simons Superkraft, das Licht, funktioniere als Symbol für jeden, der einen Traum hegt und ihn zum Strahlen bringen will.
Die Reaktionen der Zuschauer in den Videos gehen Abdul-Mateen II sichtlich nah. Er sehe Menschen lächeln, weinen, sich überraschen lassen. Viele stünden an einem Punkt, an dem sie kurz davor seien aufzugeben. Die Serie gebe ihnen neuen Antrieb, so sein Eindruck.
Männerfreundschaft mit Sir Ben Kingsley
Eine der tragenden Achsen der Serie ist die Freundschaft zwischen Simon Williams und der Figur, die Sir Ben Kingsley spielt. Abdul-Mateen II beschreibt die Zusammenarbeit als täglich erlebte Meisterklasse. Kingsley sei seit länger im Geschäft, als Abdul-Mateen II am Leben sei, und erinnere ihn daran, dass er selbst noch ganz am Anfang stehe.
Besonders betont Abdul-Mateen II die Demut in dieser Arbeitsbeziehung. Kein Ego, keine Hierarchie, nur zwei Figuren und ihre Geschichte. Eine Serie über Schauspielerei zu drehen und dabei genau diese Haltung zu erleben, empfand er als erfrischend.
Einen anderen Ton schlug die Szene an, in der Abdul-Mateen II Julia Roberts' ikonische Szene aus 'Pretty Woman' nachspielt. Er habe versucht, sie durch Simons Augen zu interpretieren: als jemanden, der die Szene längst studiert und für sich adaptiert hat. Das Ergebnis bezeichnet er als 'die beste Art von Absurdität', an der er je beteiligt war.
Nächste Projekte: Feuer und kühlere Eisen
Nach Wonder Man drehte Abdul-Mateen II die Neuverfilmung von 'Man on Fire'. Die Reihenfolge war bewusst gewählt: Tonalität und Figur sollten sich möglichst stark von Simon Williams unterscheiden, da beide Produktionen potenziell gleichzeitig im Umlauf sein könnten. Als Inspiration nannte er Denzel Washingtons Leistung im Original von 2004, betonte aber, keine Kopie angestrebt zu haben. Eine Imitation Washingtons wäre eine Verlustformel, so Abdul-Mateen II. Er habe stattdessen gesucht, was ihn persönlich an der Figur fessle.
Zwei weitere Projekte, 'Scent of Burning Flowers' und 'Emergency Contact', laufen über seine eigene Produktionsfirma. Beide bezeichnet Abdul-Mateen II derzeit als 'eher kühle Eisen im Feuer', also Vorhaben, die noch nicht konkret spruchreif sind.
Für das kommende Jahrzehnt hat der Schauspieler klare Vorstellungen: Geschichten über Liebe, Scheitern, Abenteuer und Herzschmerz erzählen, stets mit Humor und Leichtigkeit. Über seine Produktionsfirma will er außerdem anderen Künstlern eine Plattform bieten, ihre eigenen Geschichten zu verwirklichen.
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Artikel geschrieben von:

Marie Weber berichtet über Action-, Drama- und Mystery-Serien mit besonderem Fokus auf Spannungsdramaturgie und Figurenzeichnung.
Alle Artikel von MarieMarie hat einen weiteren Artikel zur selben Serie verfasst.