Wegen Betty Gilpin bekommt Widow's Bay eine Folge, die fast nie gedreht worden wäre

Eine Folge, die fast nicht existiert hätte, verändert Widow's Bay grundlegend. Betty Gilpin kam erst ans Set, als die gesamte erste Staffel bereits abgedreht war. Für Zuschauer bedeutet das: Episode sechs ist kein Rückblick, sondern ein separater Horrorfilm im Horrorfilm.
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Ein Rückblick, der fast nicht kam
Episode sechs von Widow's Bay ist kein gewöhnlicher Serienrückblick. Die gesamte erste Staffel war bereits abgedreht, als Betty Gilpin zum Set kam, um die Überraschungsfolge zu filmen. Showrunnerin Katie Dippold hatte das Konzept eines trockenen kolonialen Horrorfilms erst etwa in der Mitte der Drehbuchentwicklung entwickelt, und das Projekt wäre beinahe nicht realisiert worden.
Der Grund: Im Piloten sollte ursprünglich erwähnt werden, dass Stadtgründer Richard Warren im 18. Jahrhundert sein Gesicht verloren habe. Dippold erkannte kurz vor dem Dreh des Piloten, dass dieser Gag den geplanten Rückblick unmöglich machen würde, und strich ihn. Ohne diese Änderung wäre Linklaters Figur im historischen Setting schlicht nicht darstellbar gewesen.
Gilpin beschrieb die Atmosphäre am Set treffend: 'Es fühlte sich wirklich so an, als wären wir Geister in jemand anderem Haus.' Die reguläre Besetzung war bereits entlassen worden, als Gilpin in Kostümen des 18. Jahrhunderts durch die zeitgenössischen Kulissen der Serie streifte und auf Sofas nappte, die später in den ersten Episoden zu sehen sind.
Sarahs Ankunft als amerikanischer Alptraum
Betty Gilpin spielt Sarah Warren, eine Frau, die im Rahmen einer arrangierten Ehe auf die Insel gebracht wird und dort Richard Warren heiraten soll, den Gründer der Stadt. Dippold wollte mit dieser Figur bewusst eine Außenperspektive auf die Entstehungsgeschichte von Widow's Bay schaffen: Sarah kommt mit Optimismus und Humor an, beides wird ihr auf der Stelle genommen.
Dippold beschreibt das als eigenständige Horrorschicht der Serie: 'Die Seele der Show ist, dass es große und kleine Schrecken gibt. Sarah kommt auf diese verfluchte Insel, auf der eine Seuche wütet, und ihr Ehemann entpuppt sich als Monster. Aber es gibt auch den emotionalen Horror, jemanden zu heiraten, den man noch nie getroffen hat.' Ein Moment, in dem Sarah einen Witz macht, den Richard nicht hört und sie ihn wiederholen muss, woraufhin er flach fällt, zählt Dippold zu den beklemmendsten Szenen der ganzen Staffel.
Gedreht wurde die Episode teilweise am originalen Rebecca Nurse Homestead in Danvers, Massachusetts, dem Anwesen einer Frau, die während der Hexenprozesse von Salem 1693 angeklagt, hingerichtet und später rehabilitiert wurde. Gilpin berichtet, sie habe in vollem Kostüm über das Gelände gewandert und dabei mindestens einen Crewmitarbeiter zu Tode erschreckt, der sie um eine Hausecke biegen sah.
Richards Teufelspakt und der Fluch
Der Kern des Rückblicks ist der Pakt, den Richard Warren mit dem Teufel schließt, um seine hungernde Gemeinde zu retten. Besiegelt wird dieser Pakt durch den Verzehr eines Pilzes, der aus dem schneebedeckten, kahlen Boden wächst. Die Konsequenz: Alle auf der Insel Geborenen sind für immer an sie gebunden. Wer versucht, die Insel zu verlassen, stirbt jenseits ihrer Küsten.
Die Stadtgeschichte wurde im Laufe der Jahrhunderte verfälscht. Dippold wollte zeigen, wie die Bewohner ihren Gründervater als heldenhaften Retter verklären, obwohl er in Wahrheit ein Monster war. Bürgermeister Tom Loftis, gespielt von Matthew Rhys, fühlt sich diesem mythologisierten Vorfahren gegenüber permanent unzulänglich, ohne zu wissen, was Richard wirklich war.
Am Ende des Rückblicks flieht Sarah in der Nacht mit Richards Kindern von der Insel, ohne zu ahnen, dass sie damit deren Tod besiegelt: Die Kinder zerfallen zu Staub, sobald sie das Wasser hinter sich lassen. Es ist eine der brutalsten Wendungen der Staffel, die Sarahs Hoffnung endgültig zerstört.
Linklater: Vom Kolonisten zur Mumie
Hamish Linklater spielt Richard Warren in beiden Zeitebenen, wobei die Szenen in der Gegenwart, in denen Tom, Wyck (Stephen Root) und Patricia (Kate O'Flynn) den untoten Gründer ausgraben, vor dem historischen Rückblick gedreht wurden. Linklaters kratzige Stimme und hölzerne Bewegungen als ausgedörrte Leiche sind ohne Computereffekte entstanden, rein durch körperliche Darstellung.
Linklater zog dabei Parallelen zu früheren Projekten: 'Ich habe Erfahrung mit abgelegenen Inseln unter gefährlichen Umständen, also war ich sehr froh, zu meinem Inselausflug zurückzukehren.' Gemeint ist seine Rolle in Mike Flanagans Midnight Mass. Für Widow's Bay musste er zusätzlich eine Komödienebene bedienen, etwa in einer Szene, in der er auf einem Boot gierig Dosen mit Wiener Würstchen verschlingt. Linklaters Kommentar dazu: 'Jesus Christus, das war widerlich. Das war die größte schauspielerische Leistung meiner Karriere, so zu tun, als wäre das, was ich aß, tatsächlich köstlich.'
Dass die Szene, in der Richard lebendig in seinen Sarg zurückgesperrt wird, auf Linklaters 49. Geburtstag fiel, empfand er als passende Pointe des Schicksals. Die Schreie, die er dabei ausstieß, halfen ihm, die Stimme der Figur zu finden: 'Ich schrie: Ich will leben, ich will leben. Das senkt definitiv die Stimmlage.'
Dippolds ungewöhnlicher Staffelabschluss
Weil der historische Rückblick als letztes gedreht wurde, endete die Produktion der ersten Staffel an einem ungewöhnlichen Ort: Dippold hielt ihre Abschlussrede an die Crew in einer Kolonialkulisse, umgeben von einer größtenteils neuen Besetzung. 'Es war eine sehr lustige Art, diese Staffel zu beenden, wenn man eine Rede in einem kolonialen Setting mit lauter neuen Schauspielern hält, weil man sich außerhalb der eigenen Serienzeit befindet', sagte Dippold.
Gilpin nahm aus dem Dreh vor allem die Freude an übertriebener Kostümdarstellung mit: 'Ich liebe überdrehtes Schauspiel in einer Haube. Ich bin ein hoffnungsloser Fall.' Dippold selbst zeigte sich tief beeindruckt von Linklaters Leistung als Richard Warren und gestand, dass sie zeitweise vergaß, wie böse die Figur eigentlich ist: 'Hamish spielt es so gerade, so trocken, so beängstigend und so gut, dass man die Schuld und die Last der Welt in seinen Augen sehen kann.'
Ti West, der für seinen Beitrag zur Horrorgenre bekannte Regisseur, übernahm die Inszenierung der Episode und verlieh ihr mit körnigem Filmmaterial eine eigene visuelle Sprache. Das Ergebnis ist eine Episode, die sich wie ein eigenständiger Kurzfilm anfühlt und dennoch das Fundament der gesamten Serie neu bewertet.
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Artikel geschrieben von:

Clara Hoffmann ist Serien-Redakteurin mit besonderem Fokus auf emotionale Drama-Serien und detailreiche Period Pieces.
Alle Artikel von ClaraClara hat einen weiteren Artikel zur selben Serie verfasst.