Warum Stranger Things laut Duffer trifft, was viele Serien verfehlen

Vertrauen statt Algorithmen: Das ist das Rezept hinter Stranger Things. Matt und Ross Duffer nahmen bei den Gotham TV Awards in New York den Visionary Award entgegen. Ihr Appell an die Branche könnte die Art verändern, wie Serien künftig entwickelt werden.
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Duffers Appell an die Branche
Bei den Gotham TV Awards in New York nahmen Matt und Ross Duffer den Visionary Award entgegen, eine von fünf nicht kompetitiven Auszeichnungen des Abends. Weitere Geehrte waren Kerry Washington, Clare Danes, Michelle Pfeiffer sowie das Ensemble der FX-Serie Love Story. Die Veranstaltung fand im Cipriani Wall Street statt und ist mittlerweile in ihrem dritten Jahr als TV-Ableger der etablierten Gotham Film Awards.
Matt Duffer nutzte seine Dankesrede für eine deutliche Botschaft: 'Ich habe das Gefühl, dass junge Menschen uns sehr laut sagen, dass sie hungrig nach originellen Geschichten sind, nach ungefilterten persönlichen Visionen, die nicht durch tausend kleine Kompromisse zermahlen wurden.' Der Saal reagierte mit lautem Applaus auf Worte, die offenbar vielen im Raum aus der Seele sprachen.
Ähnlich hatte sich kurz zuvor Indie-Regisseur Mark Duplass geäußert. Duffers Rede griff damit eine Stimmung auf, die in der Branche zunehmend spürbar ist: Datenpunkte und Algorithmen, so die Kritik, verdrängen kreative Risikobereitschaft.
Risiko statt Angst wählen
Duffer richtete seinen Appell direkt an Entscheider der Branche: 'Lasst uns Risiko statt Angst wählen. Lasst uns alles dafür tun, neuen Stimmen zu helfen, mutige persönliche Geschichten zu erzählen, und dann lasst uns ihnen aus dem Weg gehen.' Er ergänzte mit entwaffnender Pragmatik, dass weniger Einmischung nicht nur weniger Arbeit bedeute, sondern am Ende auch mehr Geld einbringe.
Als Beleg für diese These verwies Duffer auf aktuelle Kinoerfolge, die aus dem Internet heraus entstanden sind. Der Film Backrooms, der aus einem populären YouTube-Kanal und einem 4Chan-Post hervorging, spielte allein am Eröffnungswochenende rund 74 Millionen Euro weltweit ein und ist damit der erfolgreichste Start in der Geschichte von A24. Obsession, inszeniert vom ehemaligen YouTuber Curry Barker, steigerte seine Einspielergebnisse über drei Kinowochen hinweg und ist inzwischen Focus Features' erfolgreichster Film in den USA.
Für Duffer sind das keine Zufälle, sondern Symptome eines Publikumsbedürfnisses, das die Industrie bislang unterschätzt.
Stranger Things: Ein unwahrscheinlicher Ursprung
Ross Duffer schilderte die Entstehungsgeschichte von Stranger Things als Paradebeispiel für genau jenen Mut, den sein Bruder einfordert: 'Ich kann gar nicht betonen, was für ein verrücktes Risiko Stranger Things war, wie wenig Sinn es auf dem Papier ergab.' Das Brüderpaar hatte damals lediglich einen einzigen Film vorzuweisen, den Warner Brothers so wenig mochte, dass er unveröffentlicht blieb, sowie ein 50-seitiges Skript über Kinder, das jedoch nicht für Kinder gedacht war. Kein Studio wollte das Projekt anfassen.
Den entscheidenden Schritt machte Netflix-Manager Matt Thunell, der das Potenzial erkannte und das Projekt intern zu Cindy Holland und schließlich zum damaligen Inhaltsverantwortlichen Ted Sarandos weitertrug. Thunell und Holland leiten heute die TV- bzw. Direct-to-Consumer-Sparte von Paramount.
Matt Duffer hob hervor, was diese frühe Unterstützung bedeutete: 'Das Erstaunliche ist, dass all diese Menschen nicht nur auf eine Idee oder ein Skript gewettet haben. Sie haben auf uns gewettet.' Netflix ließ die Brüder die Serie leiten und selbst Regie führen, obwohl beide das zuvor nie gemacht hatten, und griff nie in ihre Besetzungsentscheidungen ein, darunter die Wahl von David Harbour für die Hauptrolle.
Vertrauen als Grundlage des Erfolgs
Zehn Jahre nach dem Start von Stranger Things auf Netflix beschreibt Matt Duffer das damalige Vertrauen des Streamers als außergewöhnlich: 'Dieses Maß an Vertrauen gab uns das Selbstvertrauen und den Mut, den nächsten Schritt zu wagen.' Gleichzeitig betonte er, dass solche Bedingungen in einer Branche, die zunehmend von Daten und Algorithmen gesteuert werde, immer seltener würden, was ihn beunruhige.
Die Serie, die auf Netflix und Netflix Standard mit Werbung verfügbar ist, bewies zuletzt mit der fünften und finalen Staffel ihre anhaltende Strahlkraft. Zum Jahreswechsel stellte sie einen Rekord für den Neujahrstag auf und verzeichnete in den ersten vier Tagen nach Veröffentlichung 31,5 Millionen Aufrufe.
Für die Duffer-Brüder ist dieser Erfolg untrennbar mit dem kreativen Freiraum verbunden, den Netflix ihnen gewährte. 'Sie haben nie über unsere Schultern geschaut oder uns gebeten, die seltsamen Ecken abzuschleifen', sagte Matt Duffer.
Branche am Scheideweg
Der Abend bei den Gotham TV Awards machte deutlich, dass Duffers Worte kein Einzelfall sind. Die Auszeichnungen, die jedes Jahr im November vergeben werden und traditionell die Preissaison einläuten, boten diesmal eine ungewöhnlich deutliche Bühne für Branchenkritik.
Zu den Seriengewinnern des Abends zählten DTF: St. Louis, Pluribus sowie I Love LA. Doch das Gespräch nach der Veranstaltung drehte sich vor allem um Duffers Plädoyer für mehr Mut und weniger Kontrolle in der Serienproduktion.
Ob die Branche auf diesen Appell reagiert, bleibt offen. Die Zahlen sprechen zumindest für Duffers These: Sowohl Stranger Things als auch die jüngsten Erfolge aus dem Internet zeigen, dass Publikum und Markt originelle Visionen belohnen, wenn man ihnen die Chance gibt.
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Artikel geschrieben von:

Anna Schneider analysiert Serien von düsteren Mystery-Stoffen bis zu leichteren Komödien mit Fokus auf Erzählstruktur und Figurenentwicklung.
Alle Artikel von AnnaAnna hat 3 weitere Artikel zur selben Serie verfasst.