Warum Karolina Wydra in Pluribus so viele Zuschauer überrascht

Keine Agentin, kein Manager, trotzdem die begehrteste Nebenrolle der Saison. Wydra hatte ihre Karriere pausiert, um ihre Kinder großzuziehen, und stand auf keiner Kandidatenliste der Casting-Direktoren. Nun ist sie die einzige Figur, die regelmäßig mit Rhea Seehorns Hauptfigur Carol auf dem Bildschirm zu sehen ist.
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Rund 5.000 Bewerber, eine Rolle
Pluribus ist Vince Gilligans erste große Serie nach Better Call Saul und wurde nach einem intensiven Bietergefecht mit einem Zwei-Staffeln-Auftrag bei Apple TV+ bedacht. Die Castingdirektoren Sharon Bialy, Sherry Thomas und Russell Scott sichteten für die wichtigste Nebenrolle der Serie nach eigenen Angaben rund 5.000 Anfragen. Die Figur Zosia ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die einzige Rolle, die nennenswerte gemeinsame Szenen mit Rhea Seehorns Hauptfigur Carol bekommt.
Wydra stand auf keiner der üblichen Kandidatenlisten. Sie hatte zuvor ihre Karriere pausiert, um sich als Vollzeitmutter um ihre Kinder zu kümmern, und verlor in dieser Zeit sowohl ihre Agentin als auch ihren Manager. Ausgerechnet ein Werbefilm-Agent, der sie gar nicht offiziell vertrat, rief sie an und informierte sie über die Möglichkeit. 'Ich stand zufällig auf deren Liste, arbeitete aber nicht wirklich mit ihnen', erklärte sie.
Wydra schickte ein Selbst-Tape ein, wurde zu einem Vorsprechen mit fiktiven Dialogzeilen eingeladen und wartete dann über die Weihnachtspause auf Nachricht. Im neuen Jahr kam der Anruf: Die Rolle gehörte ihr. 'Ich weinte, und mein Mann riss sich das Hemd vom Leib und schrie, so dramatisch, wie aus einem schlechten Komödienfilm', beschrieb sie den Moment.
Comeback ohne Netz und Boden
Wydra hatte jahrelang Rollen in bekannten Produktionen: True Blood, Justified, Sneaky Pete und Agents of SHIELD gehören zu ihren früheren Arbeiten. Über Sneaky Pete war sie bereits mit Bryan Cranston in Kontakt, was sie in den erweiterten Gilligan-Kosmos brachte. Dennoch stand sie bei der Buchung von Pluribus völlig ohne Branchenvertretung da.
Um den Vertrag überhaupt abschließen zu können, lieh sie sich vorübergehend einen Manager von ihrer engen Freundin, der Outlander-Darstellerin Caitriona Balfe, und engagierte zusätzlich einen Anwalt. Erst nach der Vertragsunterzeichnung erhielt sie die ersten beiden Drehbücher und erfuhr, welche Tragweite die Figur Zosia tatsächlich hat. 'Da verstand ich die Bedeutung von Zosia. Und ich hatte große Angst', sagte sie.
Inzwischen hat Wydra wieder eine Agentur und einen Manager. Anfragen kommen herein, Meetings sind geprägt von Lob für ihre Arbeit. Der eigentliche Gewinn scheint ihr jedoch die wiedergefundene kreative Energie zu sein: Sie schreibt gemeinsam mit einer Freundin an einem Drehbuch und möchte polnische Geschichten auf internationale Plattformen bringen.
Zosia: Sanfte Antagonistin ohne Geheimnisse
In Pluribus spielt Wydra Zosia, die Botschafterin einer durch ein außerirdisches Virus befriedeten Menschheit mit kollektivem Bewusstsein. Die Figur taucht in der Pilotfolge noch nicht auf, tritt aber in der zweiten Episode in Erscheinung: Sie erklimmt einen staubigen Hügel in Tanger, steuert ein Frachtflugzeug nach Albuquerque und trifft dort ruhig und makellos als Kontaktperson des Schwarmgeistes auf Carol.
Zosia ist freundlich und zugewandt in ihren Begegnungen mit Carol, verfolgt jedoch das Ziel, sie zur Assimilation zu zwingen. Diese Ambiguität macht die Figur so schwer zu greifen und gleichzeitig so fesselnd. Regisseur Gilligan mahnte Wydra während der Dreharbeiten wiederholt: 'Du siehst aus, als hättest du ein Geheimnis. Du hast keine Geheimnisse. Du bist nicht manipulativ.' Die Schauspielerin musste immer wieder gegen ihre eigenen Instinkte arbeiten.
Wydra beschrieb die Herausforderung als besonders hart, weil sie von Natur aus sehr emotional reagiert. Rhea Seehorns reiches Spiel zuzusehen und dabei vollständig regungslos zu bleiben, kostete sie enorme Disziplin. Genau diese Spannung zwischen menschlicher Wärme und emotionaler Leere macht Zosias Auftritte zu den eindrücklichsten Momenten der Serie.
Die Botschaft hinter der Figur
Pluribus zeichnet moralisch bewusst unscharfe Linien. Die Serie verhandelt, was passiert, wenn eine überlegene Macht behauptet, das Beste für alle zu wissen. Wydra brachte es auf den Punkt: 'Wenn Menschen dir sagen, dass sie wissen, was das Beste für dich ist, dann ist das das Gefährlichste überhaupt. Es ist erschreckend.'
Diese thematische Ebene erklärt, warum die Reaktionen auf Wydras Leistung so stark ausfallen. Zosia verkörpert ein System, das keine bösen Absichten kennt und gerade deshalb bedrohlich wirkt. Gilligan und Wydra entschieden gemeinsam, dass die Figur stets diplomatisch spricht, keine Regung zeigt und dennoch eine unmittelbare Präsenz ausstrahlt.
Wydra forscht für ihre Rollen intensiv: Für Zosia untersuchte sie, wie hochintelligente Menschen sich bewegen, kommunizieren und mit ihrer Umgebung interagieren. Das Ergebnis ist eine Figur, die kaum menschlich wirkt und dennoch nie kalt erscheint.
Staffel zwei und neue Projekte
Die Produktion von Pluribus Staffel zwei hat begonnen. Wydra freut sich darauf, wieder am Set zu stehen und die Geschichte von Zosia weiterzuerzählen. Die Serie läuft bei Apple TV+ und ist damit auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz abrufbar.
Parallel arbeitet Wydra an einem eigenen Drehbuch. Ihr Anliegen ist es, polnische Geschichten einem internationalen Publikum zugänglich zu machen. Nach Jahren als Vollzeitmutter und dem erzwungenen Rückzug aus dem Geschäft hat sie sich mit Pluribus nicht nur eine Rolle, sondern ihre gesamte Karriere zurückgeholt.
Ihr Weg zur Rolle zeigt, dass der Zugang zur Branche manchmal über unerwartete Umwege führt. Ein zufälliger Anruf, ein Selbst-Tape, ein geborgener Manager und eine lange Weihnachtspause später steht Wydra im Mittelpunkt einer der meistbeachteten Serien des Jahres.
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Artikel geschrieben von:

Clara Hoffmann ist Serien-Redakteurin mit besonderem Fokus auf emotionale Drama-Serien und detailreiche Period Pieces.
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