The Testaments enthüllt, warum Agnes ihre Mutter vergisst

·28.04.2026, 22:03 Uhr·4 Min
Bild: TMDB

Agnes kennt ihre Mutter, doch erinnert sie sich nicht an June Osborne. Hannah Bankole wurde als Kind entführt, umbenannt und von Gilead systematisch neu programmiert. Wie viel von Hannah noch in Agnes steckt, wird zur zentralen Frage von The Testaments.

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Agnes ist in Wirklichkeit Hannah Bankole

Agnes MacKenzie, gespielt von Chase Infiniti, weiß, dass ihre leibliche Mutter eine Magd war. Gilead hat ihr beigebracht, sich dafür zu schämen. Was sie nicht weiß: Sie ist Hannah Bankole, die Tochter von June Osborne und Luke Bankole.

Hannah wurde als Kind von Gilead entführt und von Commander MacKenzie und seiner Frau Tabitha adoptiert. Die beiden gaben ihr den neuen Namen Agnes und erzogen sie als treue Bürgerin des Regimes.

June, verkörpert von Elisabeth Moss, lebt inzwischen in Toronto, Kanada, zusammen mit Hannahs Halbschwester Nichole. Auch Luke Bankole, gespielt von O-T Fagbenle, kämpft weiterhin im Rahmen von Mayday darum, seine Tochter zu finden.

Zwei Begegnungen, kaum Erinnerung

Hannah hat ihre Mutter June seit ihrer Entführung zweimal gesehen. Doch diese Begegnungen haben sich kaum in ihr Gedächtnis eingegraben. Beim zweiten Mal war June bereits als schwangere Magd verkleidet und sah völlig anders aus.

Bruce Miller, der zuvor Schöpfer und Showrunner von The Handmaid's Tale war und nun dieselbe Rolle bei The Testaments übernimmt, beschreibt den Denkprozess hinter dieser Entscheidung: 'Das Erste, was man tut, ist, The Handmaid's Tale durch Hannahs Augen zu erleben, basierend auf dem, was man weiß. Und sie hat sehr wenig. Sie hat ihre Mutter einmal gesehen, an das sie sich erinnert, und dann noch einmal viel später, aber da ist sie eine schwangere Magd. Sie sieht nicht mal wie dieselbe Person aus.'

Diese erzählerische Wahl ist kein Zufall, sondern das Ergebnis intensiver Recherche. Miller und sein Team sprachen mit Fachleuten, die sich auf traumatisierte Kinder spezialisiert haben.

Forschung als Grundlage der Figur

Miller betont, dass er bewusst keine Annahmen über Agnesens Erinnerungsvermögen treffen wollte. Stattdessen stützte sich das Autorenteam auf wissenschaftliche Erkenntnisse: 'Wir haben mit sehr vielen Menschen gesprochen, die mit Kindern arbeiten, die solche traumatischen Ereignisse durchmachen, Kinder, die gewaltsam von einem Elternteil getrennt und einem anderen übergeben werden. Was erinnern sie sich?'

Die Recherchen bezogen sich dabei nicht nur auf aktuelle Fälle, sondern auch auf historische Ereignisse, bei denen ganze Bevölkerungsgruppen betroffen waren. Miller wollte verstehen, was unter extremem Druck im Gedächtnis bleibt und was verblasst.

Gilead bietet keinerlei therapeutische Unterstützung für Kinder wie Agnes. Es gibt keine Möglichkeit, Erinnerungen aufzuarbeiten oder mit jemandem darüber zu sprechen. Das Regime sorgt so auf struktureller Ebene dafür, dass die Vergangenheit begraben bleibt.

Medikamente als Werkzeug Gileads

Miller geht noch einen Schritt weiter: Er hielt es für wahrscheinlich, dass Gilead Kinder über Jahre hinweg mit Medikamenten ruhigstellt, um traumatische Erinnerungen zu überlagern. 'Ich dachte, sie würden die Kinder jahrelang unter Drogen setzen, damit das alles verblasst', erklärt er.

Experten hätten diesen Ansatz bestätigt: Es werde häufig von einer Art Langzeitmedikation gesprochen, die dazu beiträgt, bestimmte Erinnerungen besser zu verdrängen. Diese Überlegung floss direkt in die Darstellung von Agnes ein.

Das Ergebnis ist eine Figur, die zwischen zwei Welten gefangen ist, ohne sich dessen bewusst zu sein. Agnes kennt ihre Herkunft als Scham, nicht als Identität, und genau das macht ihre Geschichte in The Testaments so eindringlich.

Agnes zwischen Scham und Wahrheit

Agnes weiß, dass sie vor Gilead geboren wurde, und das Regime hat ihr beigebracht, die Magd, die ihre Mutter war, als etwas Beschämendes zu betrachten. Diese innere Zerrissenheit prägt ihre gesamte Entwicklung in The Testaments.

Chase Infiniti trägt die Last dieser Figur, die ihre eigene Geschichte nicht kennt. Jede Szene, in der Agnes über ihre Herkunft nachdenkt, ist damit auch eine Szene über Manipulation, Kontrolle und das, was ein Regime mit Erinnerungen machen kann.

Miller fasst die Herangehensweise zusammen: 'Was wir versucht haben, ist, es in diesen Menschen verwurzelt zu halten.' Die Figur der Agnes ist damit nicht nur dramaturgisches Mittel, sondern ein Spiegel realer Traumamechanismen.

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Zuletzt aktualisiert: 28.04.2026, 22:03 Uhr

Artikel geschrieben von:

Lena Bergmann
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Lena Bergmann
Sci-Fi & FantasyMystery-SerienStreaming-Analyse

Lena Bergmann ist Serienredakteurin mit Schwerpunkt auf Sci-Fi- und Fantasy-Formate wie The Witcher und Wednesday.

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