Spider-Noir verdankt Nicolas Cage mehr, als man beim Zuschauen auf Anhieb bemerkt

Marvel-Fans kennen Felicia Hardy, doch Cat in Spider-Noir hat mit ihr kaum etwas gemein. Li Jun Li spielt die Figur nach einer komplett neuen Vorlage von Autor Oren Uziel, frei von Fan-Erwartungen und ikonischen Vorbildern. Das ist kein Kompromiss, sondern Programm: Die Serie baut ihre Welt lieber neu, als Bekanntes zu replizieren.
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New York der 30er als Noir-Kulisse
Spider-Noir spielt im New York der 1930er Jahre und dreht das vertraute Spider-Man-Universum in ein düsteres Noir-Szenario. Nicolas Cage verkörpert Ben Reilly, der unter dem Namen 'The Spider' bekannt ist und sein Superhelden-Leben nach einer persönlichen Tragödie aufgegeben hatte. Als sein neuester Fall ihn in ein Netz aus Verschwörungen rund um den irischen Mob-Boss Silvermane zieht, schlüpft er erneut in die Rolle des maskierten Ermittlers.
Die erste Live-Action-Serie aus dem Spider-Man-Universum vereint ein ungewöhnliches Ensemble: Neben Cage spielen Li Jun Li als rätselhafter Nachtclub-Sängerin Cat Hardy, Jack Huston als Flint Marko, Abraham Popoola als Lonnie Lincoln sowie Lamorne Morris und Brendan Gleeson in weiteren Rollen. Showrunner Oren Uziel hat für jede dieser Figuren eine eigenständige Biografie entwickelt, die kaum etwas mit den Comic-Vorlagen gemein hat.
Der Noir-Rahmen ist dabei kein bloßes Stilmittel. Er zwingt die Figuren in moralische Graubereiche, in denen gute Menschen schlechte Dinge tun, weil sie keine andere Wahl zu haben glauben. Genau das ist der Kern dessen, was Spider-Noir von anderen Marvel-Produktionen unterscheidet.
Cat Hardy: Femme Fatale ohne Vorlage
Li Jun Li beschreibt ihre Rolle als Cat Hardy, eine Neuinterpretation der Comic-Figur Felicia Hardy alias Black Cat, als 'den Traum jeder Schauspielerin'. Im Gespräch mit Journalist Grant Hermanns erklärte sie, sie habe die Figur ohne den Druck entwickeln können, eine ikonische Marvel-Figur originalgetreu nachzubilden. Cat sei 'vollständig Oren Uzials Interpretation', entstanden auf einem 'leeren Blatt'.
Für die Ausgestaltung griff Li Jun Li gemeinsam mit dem Showrunner auf klassische Femmes Fatales des Noir-Kinos zurück und verknüpfte diese Inspirationen mit einzelnen Elementen aus Felicia Hardys Comic-Geschichte. Das Ergebnis ist eine völlig neue Biografie, die die Figur in ihrem historischen Kontext verankert.
Li Jun Li betonte dabei das übergeordnete Prinzip der Serie: 'Am wichtigsten ist es, sie menschlich zu machen, genau wie die meisten Figuren in dieser Serie. Keiner von ihnen ist wirklich ein Bösewicht. Jeder von uns kämpft mit etwas sehr Realem, das wir alle kennen, aber alle werden in Situationen gebracht, in denen sie Entscheidungen treffen müssen, die andere verletzen könnten.'
Sandman: Tragödie statt Antagonismus
Flint Marko, in der Comicgeschichte meist als Sandman bekannt, hat seit seinem Debüt in der Zeichentrickserie von 1967 viele Gesichter gehabt. Die meisten davon waren antagonistisch. Eine der wenigen Ausnahmen war Thomas Haden Church in Sam Raimis Spider-Man 3, in dem Marko als verzweifelter Vater einer todkranken Tochter dargestellt wurde und versehentlich Uncle Ben tötete.
Jack Hustons Version in Spider-Noir geht noch weiter. Der Schauspieler beschreibt seine Figur als 'wunderschön geschrieben' und 'durchdrungen von Tragödie'. Marko und Abraham Popoolas Lonnie Lincoln sind Kriegsveteranen, die in eine Stadt zurückkehren, die sie vergessen hat. Hustons eigene Worte dazu: 'Gute Menschen tun schlechte Dinge, wenn sie sich in verzweifelten Situationen befinden. Genau das ist die Lage, in der wir uns alle in dieser Serie befinden.'
Dass Marko in Spider-Noir zudem als romantische Figur gezeichnet wird und dessen übernatürliche Kräfte aktiv gegen ihn arbeiten, verleiht der Tragödie eine zusätzliche Dimension. Huston erklärte, er habe sich in die Figur verliebt, weil ihre Kämpfe 'sehr menschlich und sehr real' seien.
Tombstone: Vom Schurken zum Kriegsheimkehrer
Lonnie Lincoln, bekannt als Tombstone, war in früheren Spider-Man-Adaptionen fast ausschließlich als klassischer Antagonist zu sehen: intelligent, kalt, auf den Helden als Hindernis fixiert. Einzig in der Disney+-Serie 'Your Friendly Neighborhood Spider-Man' wurde ein mildernder Umstand eingeführt: Lincolns kriminelle Laufbahn begann dort mit dem Versuch, seinen Bruder aus dem Milieu herauszuhalten.
In Spider-Noir trägt Abraham Popoola die Figur in eine noch dunklere Richtung. Wie Marko ist auch Lincoln ein Veteran, dessen Kriminalität aus der Not heraus entstand, nicht aus einem inneren Drang zum Bösen. Jack Huston, der die Entstehungsgeschichten beider Figuren kommentierte, sieht darin das eigentliche Herzstück der Serie: Menschen, die das System fallen gelassen hat und die daraufhin eigene Wege gehen.
Diese Neuausrichtung zahlt sich auch erzählerisch aus. Indem Spider-Noir Marko und Lincoln als Kriegsheimkehrer mit nachvollziehbaren Motiven zeichnet, schafft die Serie eine Basis für mögliche weitere Staffeln, in der die Figuren weiterentwickelt werden können, ohne ihre moralische Ambivalenz zu verlieren.
Was Spider-Noir anders macht
Der Noir-Ansatz erlaubt es Spider-Noir, klassische Schurken-Archetypen aufzubrechen, ohne die Genrekonventionen zu ignorieren. Femme Fatales, korrupte Machtstrukturen und der desillusionierende Blick auf eine Gesellschaft nach dem Krieg sind Elemente, die das Genre seit Jahrzehnten prägen. Showrunner Oren Uziel nutzt sie, um Marvel-Figuren in einem Rahmen zu platzieren, der Mitgefühl erzwingt.
Dass Cat Hardys Beziehung zu Flint Marko eine mögliche Romanze zwischen ihr und Ben Reilly von vornherein kompliziert, zeigt, wie konsequent die Serie ihre Figuren gegeneinander ausspielt. Keine Konstellation ist einfach. Jede Verbindung trägt das Gewicht von Schuld, Verlust oder Verrat.
Spider-Noir ist in seiner Gesamtheit auf Prime Video abrufbar. Wann die Serie deutschen Zuschauern offiziell zugänglich gemacht wird, ist bislang nicht bekannt. Angesichts des ungewöhnlichen Ansatzes, Marvel-Schurken als zutiefst menschliche Figuren zu zeigen, dürfte das Interesse auch hierzulande groß sein.
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Spider-Noir bricht mit allem, was Marvel-Fans bisher kannten
Ein Marvel-Held ohne Superkostüm, ohne Gegenwart, ohne bekannte Schurken-Hierarchie. Nicolas Cage verkörpert Ben Reilly als gebrochenen Detektiv im New York der 1930er, während Brendan Gleeson einen irischstämmigen Silvermane als Mob-Boss spielt statt des klassischen Italo-Gangsters. Das Marvel-Universum, das hier entsteht, folgt eigenen Regeln und ignoriert bewusst alles, was Fans bisher kannten.

Nicolas Cage will Spider-Noir fortsetzen, doch eine Entscheidung steht noch aus
Ob Spider-Noir weitergeht, liegt nicht an Nicolas Cage. MGM+ und Prime Video haben eine zweite Staffel bislang nicht bestätigt, obwohl Produzenten Phil Lord und Chris Miller klar signalisiert haben, weitermachen zu wollen. Für Zuschauer bedeutet das: Die Entscheidung kann jederzeit fallen, oder auch nicht.

Kritiker sind sich bei Spider-Noir bemerkenswert einig
Spider-Noir setzt einen neuen Maßstab für Superhelden-Serien auf Prime Video. Die düstere R-Rated-Serie startet mit einem außergewöhnlich hohen Rotten-Tomatoes-Score, der kaum ein Kritiker anzweifelt. Für das Genre bedeutet das: erwachsene Comic-Adaptionen haben plötzlich Gewicht.
Artikel geschrieben von:

Clara Hoffmann ist Serien-Redakteurin mit besonderem Fokus auf emotionale Drama-Serien und detailreiche Period Pieces.
Alle Artikel von ClaraClara hat einen weiteren Artikel zur selben Serie verfasst.