Spider-Noir zeigt Sucht ohne Verurteilung: Das spaltet das Publikum

Spider-Noir spaltet Zuschauer mit einer Darstellung, die Sucht nicht verurteilt. Nicolas Cage spielt Ben Reilly, einen PTSD-geplagten Superhelden im New York der frühen 1930er-Jahre auf Amazon Prime. Die Serie zwingt ihr Publikum, Sucht als Trauma-Reaktion zu verstehen statt als moralisches Versagen.
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Whiskey als Erzählmittel bei Spider-Noir
Spider-Noir spielt im New York der frühen 1930er-Jahre, mitten in Weltwirtschaftskrise und Prohibition. Nicolas Cage verkörpert Ben Reilly, dessen Alter Ego der maskierte Superheld The Spider ist. Reilly leidet unter schwerem PTSD: Er hat im Ersten Weltkrieg Dinge gesehen, die ihn für immer verändert haben, darunter die Begegnung, die ihn überhaupt erst in The Spider verwandelte, und den Mord an seiner großen Liebe Ruby.
Der exzessive Alkoholkonsum ist kein Stilmittel um seiner selbst willen. Er ist Reillys Bewältigungsstrategie, sein Betäubungsmittel gegen Erinnerungen, die ihn nicht loslassen. Whiskey fließt in Spelunken, Büros, Speakeasies und sogar im Morgenkaffee. Die Serie zieht damit eine direkte Linie von Kriegstrauma zu Sucht, ohne die Figur zu verurteilen.
Brendan Gleason spielt Silvermane, den irischen Verbrecherboss und Schmuggler, der den Alkoholfluss für sieben Millionen New Yorker kontrolliert. Sein Auftritt in der Luxus-Spelunke The Alcove setzt den Ton: 'Meine Kehle ist so trocken wie ein Kamelloch im Sandsturm', brüllt er, bevor er sich einschenkt. Li Jun Li als Sängerin Cat Hardy trinkt in denselben Szenen Wodka, während Reilly Whiskey bevorzugt.
Der Selbstversuch mit Atemalkoholmesser
Für den Versuch kam Folge sieben, 'Nobody's Hero', zum Einsatz. Die Regel war simpel: Jedes Mal wenn eine Figur trinkt, folgt ein gemessener Schuss Jameson-Whiskey. Statt der in der Serie gezeigten großzügig gefüllten Gläser wurde auf je 30 Milliliter pro Runde begrenzt, um nicht ernsthaft in Gefahr zu geraten.
Die ersten vier Shots fielen in weniger als vier Minuten, als Silvermane und Cat Hardy in rascher Folge zum Glas griffen. Schon nach acht Shots innerhalb von etwa elf Minuten notierte der Tester: 'Kopf heiß, Summen im Schädel.' Nach zwölf Shots in knapp 25 Minuten lautete der Eintrag nur noch: 'Covfefe.' Die motorischen Fähigkeiten ließen spürbar nach.
Am Ende der Folge zeigte das Atemalkoholmessgerät zunächst 0,09 Promille, beim zweiten Messdurchgang zehn Minuten später 0,08 Promille. Zum Vergleich: 0,08 Promille ist in New York und Kalifornien der gesetzliche Grenzwert für eine Trunkenheitsfahrt. Die bekannten Messwerte aus Promille-Skandalen von Mel Gibson, Lindsay Lohan und Haley Joel Osment lagen bei 0,12 Promille oder höher.
Nicolas Cage und seine besten Szenen
Folge sieben liefert mehrere Cage-Momente, die zeigen, warum die Besetzung so gut funktioniert. In einer Kneipe hält Reilly betrunkenen Schlägern eine Rede über The Spider: 'Glaubt ihr, er spürt die Hitze? Oder wird traurig?' Er hämmert auf die Theke. 'Oder müde?! Oder einsam?!' Die Hooligans brechen in Lachen aus. Cage wechselt in wenigen Sekunden von expressionistischer Intensität zu stiller Würde.
Noch stärker wirkt eine Rückblende, in der Janet, gespielt von Karen Rodriguez, Reilly in Unterwäsche antrifft. Er trägt Spider-Schutzbrille und Hut, hält eine Whiskeyfl asche und lallt: 'Ich bin The Spider, Janet. Ich Spider.' Eamon, der Barkeeper, wird von Michael Patrick McGill gespielt und reagiert auf Reillys Eskapaden mit der Gelassenheit eines Mannes, der schon alles gesehen hat.
Lamorne Morris als Daily-Bugle-Reporter Robbie Robertson bringt Farbe ins Schwarzweiß. Seine auffälligen Anzüge sind ein Argument dafür, die Serie im Farbmodus zu schauen, den Prime Video anbietet. Robertson schleppt den beschwipsten Reilly zurück ins Büro, nachdem dieser seine Geheimidentität versehentlich ausgeplaudert hat. 'Oopsie-Poopsie', sagt Reilly dazu.
Schurken, Sandmann und Anachronismen
Spider-Noir-Fans des Marvel-Universums erkennen in Flint Marko den Sandmann. Jack Huston spielt ihn als tragische Figur, die sich unaufhaltsam in etwas Unmenschliches verwandelt. Andrew Lewis Caldwell verkörpert Dirk Leyden, der im Komiks-Kanon als Megawatt bekannt ist. Beide Schurken arbeiten für Silvermane und verteilen gestohlenes kanadisches Whiskey an Polizisten, um Wähler zu beeinflussen.
Cat Hardy, gespielt von Li Jun Li, steht zwischen Reilly und Marko. Ihre eigentliche Liebe gilt Marko, doch sie wollte mit Reilly nach Santorini fliehen. Marko weiß das, und seine Reaktion fasst die Stimmung der Folge zusammen: 'Dieses Leben hat keinen Geschmack mehr. Es fühlt sich nach nichts an.' Eine Zeile, die auch den Zustand des Selbstversuchs nach zwölf Shots treffend beschreibt.
Wer genau hinhört, stolpert über einen Anachronismus: Ein Schläger benutzt den Begriff 'Photo Op'. Laut Oxford English Dictionary wurde dieser Ausdruck erstmals 1981 gedruckt, also rund fünfzig Jahre nach der Handlung der Serie. Auf dem Soundtrack taucht Rosemary Clooney mit 'Sway' auf, und Bing Crosby singt 'Nice Work If You Can Get It', während Reilly in Unterwäsche von der Decke hängt und in eine Whiskeyfl asche singt.
Spider-Noir im Vergleich zum TV-Alkohol-Wettbewerb
Spider-Noir steht nicht allein mit seiner exzessiven Darstellung von Rauschmitteln. Euphoria zeigte in seiner dritten Staffel Figuren, die Fentanyl in Vaseline-beschichteten Ballons schlucken. Your Friends & Neighbors auf Apple TV+ ließ Bösewicht Owen Ashe, gespielt von James Marsden, in Staffel zwei Ketamin, MDMA und Kokain konsumieren, dazu hochpreisigen Single-Malt-Scotch.
Spider-Noir unterscheidet sich dadurch, dass der Alkohol historisch und psychologisch verankert ist. Die Prohibition macht Whiskey zum Rebellionsakt, der PTSD macht ihn zur Überlebensstrategie. Das verleiht dem Trinken eine Funktion, die über bloßes Schockpotenzial hinausgeht.
Der Selbstversuch endet mit einer nüchternen Erkenntnis: Zwölf gemessene Shots in unter dreißig Minuten reichen für 0,08 Promille. Ben Reilly trinkt in derselben Folge deutlich mehr und in deutlich größeren Mengen. Dass er danach noch Spinnennetze schießt und Schläger verprügelt, ist entweder Superheldenkraft oder schlicht das beste Argument dafür, Spider-Noir nicht als Trinkspiel zu behandeln.
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Artikel geschrieben von:

Sophie Hartmann analysiert seit mehreren Jahren Serienwelten mit Fokus auf Action, Sci-Fi, Fantasy und Mystery.
Alle Artikel von SophieSophie hat einen weiteren Artikel zur selben Serie verfasst.