Nach Bojack Horseman: Raphael Bob-Waksberg startet Long Story Short bei Netflix

Vaterschaft hat Raphael Bob-Waksbergs Schreiben grundlegend verändert. Mit Long Story Short bringt der Bojack-Horseman-Schöpfer eine animierte Familiensaga über die jüdische Mittelstandsfamilie Schwooper zu Netflix. Wer Bojack liebte, bekommt hier etwas Intimeres: einen Serien-Macher, der erstmals über sich selbst schreibt.
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Vaterschaft prägt neue Netflix-Serie
Seit Bojack Horseman 2020 zu Ende ging, hat sich Raphael Bob-Waksberg grundlegend verändert. Er wurde Vater von zwei Kindern, und genau diese Erfahrung floss direkt in Long Story Short ein. 'Ich denke viel mehr über Familie nach als damals, als ich Bojack Horseman gemacht habe, und frage mich, was ich von meinen Eltern mitbekommen habe und was ich an meine Kinder weitergeben will', erklärte Bob-Waksberg gegenüber The Hollywood Reporter.
Die Serie dreht sich um die Schwoopers, eine jüdische Mittelstandsfamilie der besonderen Art. Die Eltern Naomi Schwartz und Elliot Cooper haben ihre Nachnamen zusammengelegt, um den ungewöhnlichen Familiennamen ihrer Kinder zu schaffen. Lisa Edelstein spricht Naomi, eine Sozialarbeiterin; Paul Reiser leiht Elliot, einem Mathematikprofessor, seine Stimme.
Die drei Geschwister werden von prominenten Stimmen verkörpert: Ben Feldman spricht Ältestersohn Avi, Abbi Jacobson die mittlere Tochter Shira, und Max Greenfield-greenfield) gibt dem jüngsten Kind Yoshi eine Stimme. Das Ensemble vereint Comedyerfahrung mit dramatischer Tiefe.
Animation ermöglicht radikales Zeitspringen
Long Story Short erzählt nicht chronologisch. Jede Episode springt durch mehrere Jahrzehnte, häufig durch die 1990er, die 2010er und die 2020er Jahre, gelegentlich sogar zurück in die 1950er. Das ist kein Stilmittel um des Effekts willen, sondern eine bewusste Entscheidung, die nur im Animationsformat funktioniert.
Bob-Waksberg beschreibt den entscheidenden Vorteil: 'Wir können mit unseren Bildern sehr präzise sein und Figuren altern oder verjüngen lassen, ohne uns Sorgen zu machen, ob Prothesen unecht aussehen.' Kein Schauspieler muss sich künstlich älter oder jünger spielen. Die Figuren sind einfach die Figuren.
Diese Freiheit erlaubt es, emotionale Wahrheiten direkt zu erzählen, ohne den Umweg über Rückblenden-Konstruktionen. Die Serie hat keinen festen Zeitanker, von dem aus sie vor- oder zurückblickt. Das fühlt sich laut Bob-Waksberg organischer an als klassisches nonlineares Erzählen in Realserien.
Trauma, Knishes und Mutterliebe
Eine der stärksten Episoden trägt den Titel 'Shira Can't Cook'. Darin versucht Shira Schwooper, Knishes zu backen, genau so wie ihre Mutter sie früher gemacht hat, für ein Schulbuffet. Ihre Schwierigkeiten in der Küche stehen stellvertretend für ein tiefsitzendes Bedürfnis: die Anerkennung einer Mutter zu gewinnen, die 2020 an Covid-19 gestorben ist und deren Zuneigung Shira zu Lebzeiten eher abgelehnt hatte.
'Ein Teil davon ist auch das gemeinsame Trauma aus mehreren Perspektiven: Was hat es mit dir gemacht, in dieser Familie gewesen zu sein?', sagt Bob-Waksberg über seinen Ansatz. Die Serie verhandelt Verlust, Schuldgefühle und Generationenwunden, ohne dabei den Humor aufzugeben.
Comedy bleibt das Fundament der 25-minütigen Episoden. In 'The Intervention' konfrontiert Yoshis Familie ihn mit seinem Geheimnis, überzeugt, er sei drogenabhängig. Die Wahrheit ist eine andere: Er konvertiert zum orthodoxen Judentum und verbirgt das vor seiner konservativ-jüdischen Familie.
Jüdische Kultur ohne Erklärung
Bob-Waksberg legte großen Wert darauf, dass die Serie von Anfang bis Ende verständlich bleibt. 'Es war mir sehr wichtig, dass die Serie durchgehend Sinn ergibt, dass wir keine Rätselbox bauen und keine kleinen Hinweise einstreuen, die man erst fünf Episoden später versteht', erklärte er. Gerade in der Comedy wirke es frustrierend, wenn man nur die Hälfte des Witzes bekommt.
Gleichzeitig scheut die Serie jüdische Begriffe und jiddische Ausdrücke nicht, ohne sie zu erklären. 'Selbst wenn du einige der verwendeten Wörter nicht kennst, weil vieles davon kulturell, jüdisch oder jiddisch ist und nie erklärt wird', so Bob-Waksberg, sollen die Witze dennoch funktionieren. Das Autorenteam arbeitete sorgfältig daran, dass die Pointen auch ohne kulturelles Vorwissen greifen.
Der Vergleich, den Bob-Waksberg zieht, ist erhellend: Als Kind schaute er Die Simpsons und verstand viele Referenzen auf Citizen Kane oder Der Pate noch nicht. Aber genau das habe ihn neugierig gemacht. 'Es ließ mich diese Dinge erforschen und mehr darüber lernen. Ich fühlte mich kultivierter durch das Zuschauen.' Ein gewisses Maß an Unkenntnis steigere das Engagement, statt es zu mindern.
Kein Nischen-Label für Bob-Waksberg
Bob-Waksberg hat nach Bojack Horseman weitere animierte Projekte verantwortet, darunter die psychologische Animationsserie Undone für Amazon Prime Video, die er gemeinsam mit Kate Purdy entwickelte, sowie die Animationssitcom Tuca & Bertie. Long Story Short ist sein nächster Schritt, wieder bei Netflix.
Den Nischen-Stempel will er nicht akzeptieren. 'Ich betrachte das, was ich mache, nicht als Nische, Kult oder unzugänglich', sagte er. Trotz spezifischer kultureller Linse zielt die Serie auf ein breites Publikum, das Familiengeschichten kennt, egal welcher Herkunft.
Constance Zimmer, die in der verwandten Netflix-Produktion Love Story zu sehen ist, steht exemplarisch für eine Welle von Serien, die persönliche Trauer und weibliche Perspektiven in den Mittelpunkt rücken. Long Story Short schreibt sich in diese Tendenz ein, bringt aber das spezifische Gewicht einer jüdisch-amerikanischen Familiengeschichte mit, die über Jahrzehnte und Generationen reicht.
Artikel geschrieben von:

Clara Hoffmann ist Serien-Redakteurin mit besonderem Fokus auf emotionale Drama-Serien und detailreiche Period Pieces.
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