Half Man enttäuscht dort, wo Baby Reindeer begeisterte

Wer Baby Reindeer liebte, muss jetzt mit Enttäuschung umgehen. Richard Gadds Nachfolgeserie Half Man landet bei mageren 68 Prozent auf Rotten Tomatoes. Fans erwartet eine handwerklich solide, aber längst nicht so mitreißende Geschichte zweier ungleicher Halbbrüder.
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Halbbrüder, Gewalt und alte Wunden
Half Man erzählt die Geschichte zweier Halbbrüder: Niall, gespielt von Jamie Bell, und Ruben, verkörpert von Richard Gadd selbst. Die beiden sind nicht blutsverwandt, wuchsen aber im selben Haushalt auf und könnten unterschiedlicher kaum sein.
Die Serie spielt in der Gegenwart, blättert aber immer wieder in die 1980er Jahre zurück, um die explosive, gewalttätige und zutiefst unbehagliche Beziehung der beiden Männer schichtweise freizulegen. Neben Bell und Gadd gehören Stuart Campbell, Mitchell Robertson, Neve McIntosh, Marianne McIvor und Charlie De Melo zum Ensemble.
Inhaltlich bewegt sich Half Man in ähnlich dunklem Terrain wie Baby Reindeer, verzichtet dabei aber vollständig auf jegliche komödiantische Elemente, die Gadds erstes Werk noch gelegentlich aufgelockert hatten.
68 Prozent: Kritiker sind gespalten
Während Baby Reindeer bei Rotten Tomatoes mit 99 Prozent nahezu makellos dasteht, kommt Half Man zum Start auf lediglich 68 Prozent aus 28 Kritiken. Das ist kein Desaster, aber für einen so hocherwarteten Nachfolger eine spürbare Enttäuschung.
Therese Lacson von Collider zählt zu den Befürworterinnen der Serie und bezeichnet Half Man als 'meisterhaft spannend'. Sie sieht in der neuen Produktion den Beweis, dass Gadd seine Handschrift als Erzähler von Geschichten über totalen Zerfall weiterentwickelt und gefestigt hat.
Deutlich kritischer äußerte sich Anita Singh vom Daily Telegraph, die Half Man als 'schwächeres Kunstwerk' einstuft. Auch Nick Hilton formulierte einen zentralen Vorbehalt vieler Kritiker: Es falle schwer, das nagende Gefühl zu unterdrücken, dass Gadds zweites Projekt ein kalkulierter Versuch sei, etwas Mutiges und Wichtiges zu schaffen, was bei Baby Reindeer noch vollkommen authentisch gewirkt habe.
HBO und BBC als Produktionspartner
Half Man ist eine Koproduktion zwischen HBO und der BBC, was dem Projekt auf beiden Seiten des Atlantiks eine prominente Heimat sichert. In den USA läuft die Premiere am 23. April 2026 um 21 Uhr Ortszeit, neue Folgen erscheinen wöchentlich bis zum 28. Mai 2026.
In Lateinamerika ist die Serie ab dem 24. April über HBO Max verfügbar, in Europa ab dem 25. April. Britische Zuschauer können Half Man ab dem 24. April auf BBC iPlayer streamen, die Ausstrahlung auf BBC One und BBC Scotland folgt innerhalb derselben Woche.
Damit unterscheidet sich Half Man grundlegend von Baby Reindeer, das exklusiv bei Netflix erschien. Der Wechsel zu HBO und BBC signalisiert, dass Gadd für sein zweites Projekt bewusst andere Partner gesucht hat.
Gadds Ruf als Autor auf dem Prüfstand
Baby Reindeer katapultierte Richard Gadd vor zwei Jahren in die erste Liga der seriellen Erzähler. Die autobiografisch gefärbte Netflix-Produktion über Stalking und Trauma wurde zum Streaming-Phänomen und räumte zahlreiche Preise ab.
Mit Half Man versucht Gadd, diesen Ruf zu festigen, und streicht dabei konsequent alle Verbindungen zu seinen Wurzeln als Komiker. Befürworter sehen darin künstlerische Konsequenz, Kritiker hingegen die Gefahr, dass der Mut zur Dunkelheit ohne die emotionale Authentizität des Vorgängers ins Leere läuft.
Ob Half Man im Laufe seiner Ausstrahlung noch an Fahrt gewinnt und die Kritikerwertung steigt, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Die wöchentliche Veröffentlichung der Folgen lässt Raum für eine sich entwickelnde Diskussion.
Starttermine und Verfügbarkeit im Überblick
Die Pilotfolge von Half Man ist ab dem 23. April 2026 verfügbar. Weitere Episoden folgen jeweils wöchentlich, die letzte Folge erscheint am 28. Mai 2026. In Deutschland und Österreich ist die Serie über HBO Max abrufbar.
Für britische Zuschauerinnen und Zuschauer steht Half Man ab dem 24. April auf BBC iPlayer bereit, die lineare Ausstrahlung auf BBC One und BBC Scotland folgt kurz darauf. In Lateinamerika startet die Serie ebenfalls am 24. April über HBO Max.
Die breite internationale Verfügbarkeit über mehrere Plattformen zeigt, dass sowohl HBO als auch die BBC großes Vertrauen in die Reichweite des Projekts setzen, auch wenn die ersten Kritiken gemischte Signale senden.
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Eine einzige Szene verändert, wie man Half Man versteht. Richard Gadd erklärt, warum die Krankenhaus-Konfrontation in Episode vier der emotionale Kern der HBO-Max-Serie ist. Wer diese Szene gesehen hat, schaut Ruben und Niall danach mit anderen Augen an.

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Drei Emmys für autobiografisches Trauma, jetzt der Sprung ins Fiktionale. Gadd schreibt und produziert Half Man erneut selbst, doch die Geschichte von Ruben und Niall ist diesmal erfunden. Ob sein Stil ohne persönliche Vorlage trägt, ist die eigentliche Frage dieser Serie.

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Artikel geschrieben von:

Julia Fischer analysiert Serien mit besonderem Fokus auf erzählerische Details, Charakterentwicklung und Genre-Mix.
Alle Artikel von JuliaJulia hat einen weiteren Artikel zur selben Serie verfasst.