Vor dem Weltuntergang: Paradise startet Staffel 2 mit neuem Sound aus Tennessee

Keine einzige originale Elvis-Aufnahme in einer Staffel, die in Graceland spielt. Showrunner Dan Fogelman und seine Music-Supervisors entschieden sich bewusst für Coverversionen statt Originalaufnahmen. Für eine Serie über den Weltuntergang ist das eine überraschend präzise musikalische Entscheidung.
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Graceland als musikalischer Ausgangspunkt
Als Showrunner Dan Fogelman seinen Co-Music-Supervisors Tom Wolfe und Manish Raval mitteilte, dass Graceland in der zweiten Staffel eine zentrale Rolle spielen würde, war die musikalische Richtung schnell klar. Die neue Staffel beginnt in Memphis, Tennessee, lange vor dem Auslöschungsereignis, das die Welt verwüsten wird. Shailene Woodley spielt Annie Clay, eine junge Frau, die nach dem Abbruch ihres Medizinstudiums als Tourführerin in Elvis Presleys berühmtem Anwesen arbeitet und dort Freundschaft mit der Sicherheitsbeamtin Gayle, gespielt von Angel Laketa Moore, schließt.
Wolfe entschied sich bewusst gegen den Einsatz originaler Elvis-Aufnahmen. Gegenüber Variety erklärte er: 'Es passt zum Ton der Serie. Wir beobachten eine Welt, die vertraut wirkt, es aber wirklich nicht ist.' Die Coverversionen spiegeln genau diese Spannung wider: bekannte Melodien in fremdem Gewand.
Ein praktischer Vorteil kam hinzu: Da Elvis Presley (Aliyah Mastin) keinen einzigen seiner Songs selbst geschrieben hat, gestaltete sich die Rechtevergabe für Coverversionen deutlich unkomplizierter als bei Künstlern, die als Urheber an ihren Werken beteiligt sind.
Zwei Lager, eine klare Strategie
Wolfe teilte die ausgewählten Coverversionen in zwei Gruppen. Die erste umfasst radikale Neuinterpretationen, die kaum noch an das Original erinnern. Die zweite beinhaltet originalgetreue Fassungen, die das Publikum sofort erkennt. Wolfe beschrieb diesen Ansatz so: 'Wir haben sie in zwei Lager aufgeteilt. Eines waren Neuerfindungen, Covers, die sich komplett anders anhören als die Originale, und dann solche, die dem Original treu geblieben sind und wiedererkennbar wären.'
Bei der Auswahl folgte Wolfe einem klaren Kriterium: dramatische Wirkung. Er wählt Versionen, die ihn persönlich ansprechen oder die eine emotionale Färbung mitbringen, die zur jeweiligen Szene passt. Dieses kuratorische Gespür zieht sich durch den gesamten Soundtrack der Staffel.
Neben Elvis-Material arbeitete Wolfe auch Coverversionen von Phil Collins und den Counting Crows in den Soundtrack ein, was dem Klanguniversum der Serie zusätzliche Tiefe verleiht.
Zooey Deschanel und Ingrid Michaelson im Einsatz
Für die Szene mit 'Unchained Melody' griff Wolfe auf eine Aufnahme von Zooey Deschanel zurück, die diese mit ihrer Band She & Him gemeinsam mit den Chapin Sisters eingespielt hatte. Die Zusammenarbeit kam nicht von ungefähr: Wolfe und sein Team hatten bereits bei der Serie New Girl mit Deschanel gearbeitet. Er erklärte: 'Wir haben eine lange Geschichte mit Zooey, weil wir New Girl gemacht haben. Wir lieben diesen Song, er existierte in einer unserer Playlists, und unser Editor griff ihn für diese Szene.'
In Episode 4 setzte Wolfe Ingrid Michaelsons Version von 'Can't Help Falling in Love' ein. Die Sängerin reagierte überraschend: Sie hatte schlicht vergessen, dass sie diesen Song jemals aufgenommen hatte. Wolfe zitierte ihre Reaktion: 'Wir bekamen eine nette Nachricht von ihr. Sie hatte vergessen, dass sie diesen Song aufgenommen hatte, und das erinnerte sie daran. Sie war wirklich erfreut über die Verwendung.' Die Aufnahme war zum Zeitpunkt der Ausstrahlung bereits über zehn Jahre alt, doch sobald Wolfe sie auf das Bild legte, wusste er, dass er einen Treffer gelandet hatte.
Soundwall und die ultra-dunkle Phil-Collins-Version
Den größten Aufwand erforderte die Neuinterpretation von Phil Collins' Klassiker 'Another Day in Paradise'. Fogelman hatte Wolfe früh auf diesen Song hingewiesen. In Staffel 1 hatte Wolfe bereits eine andere, weniger dramatische Version von Joyner verwendet. Für Staffel 2 sollte es deutlich düsterer werden.
Wolfe wandte sich an mehrere Künstler und bat sie, eine extrem dunkle Fassung des Songs zu entwickeln. John Coggins, der unter dem Projektnamen Soundwall in einem Studio in Thousand Oaks arbeitet, wurde ihm durch einen gemeinsamen Bekannten empfohlen und lieferte eine Version ab, die Wolfe selbst für möglicherweise zu dramatisch hielt. Er schilderte die Situation so: 'Wir dachten, es sei so dramatisch, dass es vielleicht abgelehnt werden würde. Aber Dan Fogelman liebte es, und es funktionierte großartig gegen das Bild.'
Coggins, der als Soundwall auch die Coverversion von 'The Final Countdown' beisteuerte, musste für Letztere einen zweistufigen Genehmigungsprozess durchlaufen. Songschreiber Joey Tempest hatte sich ein Vetorecht vorbehalten, lehnte zunächst eine erste Version wegen der Gesangsleistung ab und genehmigte erst die überarbeitete Fassung mit Sängerin Amelia McLean. Einzige Bedingung: ein falsch gesungenes Wort in einem der Verse musste korrigiert werden.
Freedom Fry und der intime Abschluss
Als Gegenpol zu den dramatischen Coverversionen steht die Interpretation eines Counting-Crows-Songs durch Freedom Fry, ein Ehepaar-Duo aus Los Angeles. Wolfe fragte das Duo, das er aus früheren Projekten kannte, ob es Interesse an einer eigenen Version hätte. Das Ergebnis überzeugte auf Anhieb alle Beteiligten.
Wolfe beschrieb den Charakter dieser Aufnahme als bewussten Kontrast: 'Es ist das Gegenteil der hyper-dramatischen Cover, über die wir gesprochen haben. Es ist klein, intim und akustisch, nur Stimme und Gitarre.' Die Version landete am Ende von Episode 5 und schließt damit einen Bogen vom Beginn der Folge, in der das Counting-Crows-Original bereits angespielt worden war.
Der gesamte Soundtrack von Paradise Staffel 2 demonstriert, wie präzise kuratierte Musik eine Serie klanglich definieren kann, ohne einen einzigen Originaltrack eines Künstlers zu verwenden. Wolfe und Raval haben ein Klangbild erschaffen, das zwischen Wiedererkennung und Verfremdung pendelt und damit den Kern der Serie selbst spiegelt.
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Artikel geschrieben von:

Julia Fischer analysiert Serien mit besonderem Fokus auf erzählerische Details, Charakterentwicklung und Genre-Mix.
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