Netflix gab Lee Sung Jin einen Ausweg. Er lehnte ab und drehte BEEF Staffel 2

Lee Sung Jin war bereit, Beef für immer zu beenden. Netflix-Managerin Jinny Howe hatte ihm persönlich freigestellt, keine zweite Staffel zu machen. Dass ein Paarstreit in seiner Nachbarschaft ihn doch umkehrte, war niemand auf dem Schirm.
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Beinahe kein zweites Beef
Staffel 2 von BEEF war alles andere als selbstverständlich. Netflix-Managerin Jinny Howe zog Lee Sung Jin während der Awards-Saison für Staffel 1 beiseite und sagte ihm klar: Er müsse keine zweite Staffel machen, man könne gemeinsam auch etwas völlig Neues entwickeln. Für den Showrunner war das ein harter, aber notwendiger Moment: Er war tatsächlich bereit, das Kapitel zu schließen.
Den Ausschlag gab dann das echte Leben. Aus einem Haus in seiner Nachbarschaft drang ein hitziger Streit zwischen einem Paar nach draußen. Lee beobachtete, wie unterschiedlich seine Freunde auf diese Geschichte reagierten: Die jüngeren unter ihnen, Generation Z, waren schockiert und fragten sofort, ob jemand die Polizei gerufen habe. Millennials und Generation X zuckten eher mit den Schultern. Genau dieser Generationsbruch wurde zum Fundament der neuen Staffel.
Gegenüber Deadline erklärte Lee: 'Als ich diese Geschichte weitererzählte, traf mich die Inspiration. Ich dachte: Da könnte eine Serie drinstecken.' Die Idee, nicht den klassischen Boomer-Konflikt zu zeigen, sondern zwei Generationen, die unmittelbar nebeneinander stehen, war für ihn der entscheidende Reiz.
Millennials gegen Gen Z im Writers Room
Im Autorenraum saßen vor allem Millennials und ältere Schreibende. Ein Autor-Assistent an der Schwelle zur Generation Z war die Ausnahme. Dazu kamen intensive Gespräche mit Hauptdarstellerin Cailee Spaeny, die die Generation-Z-Figur Ashley verkörpert. Lee selbst ist 44 Jahre alt und beschreibt sich als Grenzgänger zwischen älteren Millennials und Generation X.
Der Showrunner schildert eine kollektive Selbstbefragung im Raum: Wie war man selbst mit Anfang 20? Er erinnert sich, als junger Autor in einer Serie gearbeitet zu haben und den Showrunner innerlich zu verurteilen, weil dieser die Crew bis 19:02 Uhr festhielt. Heute selbst bleibe er routinemäßig bis 23:30 Uhr. Diese Art von Demut gegenüber der eigenen Jugend habe die Figuren der Staffel geprägt.
Die Gesundheitsversicherung als existenzielle Angst junger Erwachsener war von Anfang an Teil von Ashleys Handlungsbogen. Wer in den USA mit 25 oder 26 Jahren die Versicherung der Eltern verliert und in schlecht bezahlten Jobs ohne Absicherung arbeitet, kennt diesen Druck. Oscar Isaacs Figur Josh gerät im Laufe der Staffel in eine Abwärtsspirale, die sich mit Ashleys Verschlechterung kreuzt.
Episode 4: Geschrieben in 24 Stunden
Folge 4 der neuen Staffel ist für Lee Sung Jin die persönlichste. Nach einem mehr als zehndstündigen Aufenthalt in einem Krankenhaus in Los Angeles setzte er sich am nächsten Morgen hin und schrieb die Episode in 24 Stunden herunter. Alles, was im Bild zu sehen ist, der gebückte Mann, der bandagierte Teenager mit Sonnenbrille, die merkwürdige Flüssigkeit in den Wartestuhlpolstern, hat er selbst so erlebt.
Als Regisseur von vier der diesjährigen Episoden konnte Lee diese Details direkt mit den Heads of Department besprechen, ohne den Umweg über andere Regisseure nehmen zu müssen. 'Ich bin sehr, sehr stolz auf Folge 4', sagte er. 'Weil es eine Kammerspiel-Episode war, konnten wir visuell weiter gehen als in allen anderen Folgen.' Das Schreiben dieser Folge gab dem gesamten Mittelteil der Staffel seinen Anker.
Dass das amerikanische Gesundheitssystem dabei zum dramaturgischen Motor wird, war kein Zufall. Ashleys medizinische Krise verschlimmert sich genau an dem Punkt, an dem auch Joshs Abstieg beginnt, was den Konflikt zwischen den beiden Paaren neu entfacht. Die Folge der Krankenhausnacht war also nicht nur persönliche Katharsis, sondern auch strukturelle Lösung für ein Problem, an dem das Autorenteam zuvor wochenlang feststeckte.
X-Men: Neustart ohne alten Ballast
Parallel zu Beef arbeitet Lee Sung Jin am Drehbuch für den neuen X-Men-Film bei Marvel. Gemeinsam mit Regisseur Jake Schreier, der laut Lee eine klare Vision mitbringt, entwickelt er einen Neustart, der sich nicht an den bisherigen Verfilmungen orientiert. Marvel-Chef Kevin Feige wolle einen mutigen Neuanfang, ohne Rücksicht auf frühere Filme nehmen zu müssen.
Für Lee ist das Projekt emotional aufgeladen. Als Kind schaute er jeden Samstagmorgen mit seinem Vater die X-Men-Zeichentrickserie. In einem Marvel-Konferenzraum zu sitzen, an dessen Wänden alle Figuren des Franchise hängen, und frei über Charaktere zu brainstormen, beschreibt er als beflügelnd. Schreier wolle zurück zu den frühen Comics von Chris Claremont, die stark auf Teamdynamik und seifenopernhafte Zwischenmenschlichkeit setzten.
Im Vergleich dazu sei die Arbeit an Thunderbolts, seinem früheren Marvel-Projekt, deutlich eingeschränkter gewesen: Dort musste er bestehende Figuren und laufende Handlungsbögen berücksichtigen. Beim X-Men-Neustart gelte das nicht. Youn Yuh-jung, William Fichtner und Mikaela Hoover spielen in Beef zentrale Rollen als Chairwoman Park und das Ehepaar Troy und Ava, das einst ein sorgloses Leben führte und nun von Alter und Krankheit eingeholt wird.
Vater-Tochter-Film mit Steven Yeun
Das Projekt, auf das Lee Sung Jin sich am meisten freut, ist ein Film gemeinsam mit Steven Yeun. Die beiden haben zuletzt gesprochen, konkrete Details hält Lee noch zurück. Fest steht: Er wird das Drehbuch schreiben und auch Regie führen. Ein Startdatum ist noch nicht bekannt.
Der Film soll eine Vater-Tochter-Geschichte erzählen. Lee hat seit kurzem eine einjährige Tochter, und er beschreibt die Erfahrung als Quelle völlig neuer Themen, Emotionen und Inspiration. Er wolle seine Innenwelt in dieses Projekt 'hineinbrechen', wie er es formuliert.
Damit zeichnet sich für Lee Sung Jin eine breite kreative Phase ab: Beef als Anthologie-Serie bei Netflix, der X-Men-Neustart bei Marvel, und ein persönliches Filmprojekt mit einem engen Mitstreiter. Alle drei Vorhaben verbindet sein Interesse an Figuren, die unter dem Druck von Lebensabschnitten und gesellschaftlichen Strukturen stehen, egal ob im Krankenhaus von Los Angeles oder im Mutant-Universum.
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Artikel geschrieben von:

Mia Braun ist Redakteurin bei serien.de mit Fokus auf moderne Streaming-Serien und detaillierte Episodenanalysen.
Alle Artikel von MiaMia hat einen weiteren Artikel zur selben Serie verfasst.