Militärwolle für Tante Lydia: Wie The Testaments Macht in Stoff übersetzt
Militärwolle entscheidet in Gilead, wer Macht hat. Kostümdesignerin Leslie Kavanagh entwickelte für The Testaments ein präzises Farbsystem, das Hierarchien direkt in Stoff übersetzt. Für Fans von The Handmaid's Tale bedeutet das: Jede Falte im Kostüm erzählt Politik.
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Militärwolle verleiht den Tanten Macht
Das ursprüngliche Konzept für die Kostüme der Tanten basierte auf Brauntönen mit einem militärischen Charakter. Kavanagh griff dabei auf eine Wollart zurück, die tatsächlich beim Militär eingesetzt wird. Diese Textur sendet eine klare Botschaft: Die Tanten stehen über den Ehefrauen, den Wächtern und den Mägden in der Hierarchie von Gilead.
Ann Dowd verkörpert Tante Lydia mit einer Autorität, die sich laut Kavanagh direkt im Material widerspiegeln soll. Die schwere, strukturierte Wolle unterstreicht die Unnahbarkeit der Figur und macht deutlich, dass die Tanten in dieser Gesellschaft eine besondere Machtstellung innehaben.
Dieser Ansatz setzt die visuelle Sprache der Vorgängerserie fort und schärft sie zugleich. Wo in The Handmaid's Tale die Farbcodes vor allem Unterwerfung signalisierten, zeigt The Testaments nun auch die Seite derer, die diese Codes durchsetzen.
Jede Plum trägt ihre eigene Farbe
Die Plums, junge Frauen kurz vor dem Erwachsenwerden und biologische Töchter vieler Mägde, erhalten im Kostümbild eine besondere Behandlung. Kavanagh färbte zahlreiche Stoffe selbst nach: Sie kaufte vorhandene Materialien und überfärbte sie, um spezielle Farbtöne exklusiv für die Serie zu entwickeln.
Jede der jungen Frauen trägt eine eigene Bluse in einem Ton, der auf ihre individuelle Hautfarbe abgestimmt ist. Dieses Detail verleiht den Figuren trotz ihrer gleichförmigen Ausbildungssituation eine unterschwellige Individualität, die gleichzeitig zeigt, wie das Regime selbst Kontrolle mit einer Illusion von Besonderheit verbindet.
Hannah, die nun Agnes heißt und von Chase Infiniti gespielt wird, gehört zu dieser Gruppe. Sie besucht Tante Lydias Eliteschule, wo die Mädchen zu zukünftigen Ehefrauen geformt werden sollen.
Pearls: Funkeln trotz anfänglichem Zögern
Die Pearls, Außenseiterinnen aus anderen Ländern, die neu an der Akademie aufgenommen werden, stellen eine eigene Kostümherausforderung dar. Im Buch werden ihre Gewänder als grau und funkelnd beschrieben. Kavanagh liebte den Gedanken an Glitzer und brachte ihn ins Gespräch mit Serienschöpfer Bruce Miller.
Miller war zunächst zurückhaltend und meinte, das könnte zu weit gehen. Kavanagh überzeugte ihn jedoch vom Gegenteil. Als die ursprüngliche Lösung verworfen wurde, blieben ihr nur 36 Stunden, um den gesamten Look der Pearls neu zu entwickeln.
Sie entschied sich schließlich für wärmere Weißtöne: gebrochenes Weiß, Winterweiß und vanillefarbene Nuancen, um der kühleren Atmosphäre der Serie etwas entgegenzusetzen. Diese Bandbreite sorgt dafür, dass die Pearls auffallen, fast wie die Mägde der Testaments-Welt.
Daisy: Die leere Leinwand als Tarnung
Lucy Halliday spielt Daisy (Lucy Halliday), die von Elisabeth Moss' Figur June als Mayday-Spionin rekrutiert wurde und den Auftrag hat, das Regime von innen zu zerstören. Ihre Kostümgeschichte beginnt mit einem radikalen Entzug: Alles wird ihr abgenommen.
Das Regime will diese Mädchen neu formen und nach seinen Vorstellungen modellieren. Daisy wird zur leeren Leinwand, was sich im Kostümbild durch das völlige Fehlen persönlicher Merkmale ausdrückt. Kavanagh nutzt diesen Ansatz, um Daisys Tarnung und ihre innere Zerrissenheit visuell zu verankern.
Gerade dieser Kontrast zwischen der äußeren Gleichförmigkeit und dem, was Daisy im Verborgenen tut, macht ihre Figur zu einem der spannendsten Kostüm-Rätsel der Serie.
Farbe als Werkzeug der Erzählung
Das gesamte Kostümkonzept von The Testaments funktioniert als visuelles Erzählsystem. Ob Militärwolle für die Tanten, individuell abgestimmte Blusenfärbungen für die Plums oder die warmen Weißtöne der Pearls: Jede Entscheidung trägt eine inhaltliche Bedeutung.
Kavanagh arbeitete eng mit Bruce Miller zusammen und musste dabei auch Kompromisse aushandeln, wie die Geschichte rund um den Glitzer der Pearls zeigt. Das Ergebnis ist ein Kostümbild, das die dystopische Welt von Gilead weiterentwickelt, ohne die visuelle Sprache der Vorgängerserie zu verleugnen.
O-T Fagbenle, der ebenfalls zur Besetzung gehört, fügt sich in ein Ensemble ein, das durch Kostüme konsequent in Rangordnungen und Rollen eingeteilt wird. In DACH wird The Testaments traditionell bei Disney+ erwartet.
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Artikel geschrieben von:

Lena Bergmann ist Serienredakteurin mit Schwerpunkt auf Sci-Fi- und Fantasy-Formate wie The Witcher und Wednesday.
Alle Artikel von LenaLena hat einen weiteren Artikel zur selben Serie verfasst.
