Lord of the Flies weicht an 9 Stellen vom Buch ab: Verbesserung oder Verrat?
Piggy steht vor Ralph im Rampenlicht: Das hat Golding nie vorgesehen. Der Roman beginnt mit dem blonden Ralph, doch die Serie eröffnet mit Piggy im Trümmerdschungel. Für alle, die das Buch kennen, ist das ein Bruch, der sofort auffällt.
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Piggy steht am Anfang
William Goldings Roman beginnt mit dem blonden Jungen Ralph, dessen Name erst später fällt. Die Serie dreht diese Perspektive um: Piggy, gespielt von David McKenna, ist die erste Figur, die wir sehen. Er streift durch den Dschungel, betrachtet die Trümmer des abgestürzten Flugzeugs und trifft erst danach auf Ralph, den Winston Sawyers verkörpert.
Diese Entscheidung verlagert den emotionalen Einstieg in die Geschichte. Piggy wird so von Beginn an als zentraler Beobachter etabliert, nicht als Randfigur, die Ralph einfach folgt.
Für Zuschauer, die den Roman kennen, ist das ein klares Signal: Die Serie will Piggy mehr Raum und Würde geben, als ihm das Buch je zugestanden hat.
Der tote Pilot und ein Name
Gleich nach ihrer ersten Begegnung stoßen Ralph und Piggy auf die Leiche des Piloten. In der Serie entscheiden die beiden, den Körper von einer Klippe zu werfen, um ihn zu beseitigen. Im Roman gibt es diese Szene nicht.
Eine weitere Neuerung betrifft Piggys echten Namen. Im Buch bleibt er anonym, nur sein Spitzname ist bekannt. In der Serie heißt er offiziell Nicholas, und Ralph nennt ihn sogar 'Nicky'. Das gibt der Figur eine Identität jenseits des abwertenden Spitznamens.
Beide Änderungen zusammen stärken Piggys Position in der Erzählung erheblich und machen ihn zu einer Person mit Geschichte, nicht nur mit Funktion.
Simon, das Biest und die Wahrheit
Im Roman entdeckt Simon, dargestellt von Ike Talbut in der Serie, die Wahrheit über das Biest: Es ist kein Monster, sondern der verwesende Körper des Piloten. Er stirbt, bevor er den anderen Jungen davon berichten kann.
In der Serie ist der Umgang mit dieser Entdeckung durch die frühere Entsorgung des Piloten grundlegend verändert. Der tote Pilot liegt nicht mehr im Wald, womit die klassische Enthüllungsszene wegfällt oder zumindest neu gestaltet werden muss.
Das ist eine der tiefgreifendsten Abweichungen vom Buch, weil sie Simons zentralen Erkenntnismoment strukturell verschiebt.
Jagd, Schweinskopf und Piggys Tod
Jack, gespielt von Lox Pratt, zögert bei seiner ersten Jagd lange genug, damit ein Ferkel entkommen kann. Das entspricht der Buchvorlage. Im Buch hinterlässt Jack nach der ersten erfolgreichen Jagd den Kopf einer erlegten Sau als Opfergabe für das Biest. Ob die Serie diese beunruhigende Szene übernimmt oder abwandelt, ist ein weiterer Punkt, den Buchkenner genau beobachten werden.
Piggys Tod bleibt in der Serie dem Roman treu: Er wird von einem Felsvorsprung gestoßen und fällt auf einen Stein. Diese Szene gehört zu den erschütterndsten Momenten der Geschichte und wird nicht entschärft.
Die Beibehaltung von Piggys Schicksal zeigt, dass die Macher trotz aller Anpassungen den düsteren Kern von Goldings Aussage nicht scheuen.
Das Finale und die Tränen
Das Ende der Geschichte bleibt in beiden Versionen gleich: Ralph flieht allein vor Jacks Jagdtrupp und trifft zufällig auf einen Marineoffizier, der den Rauch des Feuers gesehen hat. Die Rettung kommt von außen, und die Zivilisation blickt auf das Chaos, das die Jungen angerichtet haben.
Ein feiner, aber bedeutsamer Unterschied liegt in der Reaktion der Jungen im Moment der Rettung. Im Roman brechen alle in Tränen aus, überwältigt von dem, was sie erlebt und getan haben. In der Serie weinen sie nicht.
Diese Zurückhaltung verändert die emotionale Schlussaussage. Ob das als Zeichen von Abgestumpftheit oder als bewusste Neuinterpretation gelesen werden soll, bleibt den Zuschauern überlassen.
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Artikel geschrieben von:

Lena Bergmann ist Serienredakteurin mit Schwerpunkt auf Sci-Fi- und Fantasy-Formate wie The Witcher und Wednesday.
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