Vier Folgen reichen Lord of the Flies, um das Beste aus Goldings Stoff herauszuholen
Vier Folgen genügen, um einen 70 Jahre alten Stoff neu zu definieren. Jack Thorne und Marc Munden haben für BBC iPlayer und WOW eine vierteilige Lord-of-the-Flies-Serie geschaffen, die alle Vorgänger alt aussehen lässt. Wer Battle Royale, Yellowjackets oder The 100 liebt, erkennt hier ihre gemeinsame DNA.
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Ein Klassiker, kaum je verfilmt
Lord of the Flies gehört zu jenen Stoffen, die man für vielfach verfilmt hält, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Jenseits der Kinofassungen von Peter Brook aus dem Jahr 1963 und Harry Hook aus dem Jahr 1990, beide reizvoll und doch unvollkommen, existieren kaum nennenswerte Adaptionen. Eine philippinische Filmversion von 1975 und die Simpsons-Folge 'Das Bus' vervollständigen die überschaubare Liste.
Dabei ist Goldings Einfluss auf die Popkultur kaum zu überschätzen. Ohne Lord of the Flies gäbe es kein Battle Royale, kein Yellowjackets, keine Serie The 100, kein Survivor und kein Kid Nation. Der Roman hat ein ganzes Genre geprägt, ohne selbst auf der Leinwand je wirklich gerecht behandelt worden zu sein.
Genau diese Lücke schließt die neue Produktion nun mit bemerkenswerter Konsequenz. Jack Thorne und Marc Munden haben sich den Stoff nicht als ehrfürchtige Buchverfilmung vorgenommen, sondern als lebendiges, eigenständiges Werk.
Vier Stunden voller Bilder und Spannung
Die Serie spielt irgendwann in den 1950er-Jahren auf einer üppigen, tropischen Insel. Die vier Episoden sind vollgepackt mit eindrücklichen, mitunter atemberaubenden Bildkompositionen, die den Zuschauer tief in die isolierte Welt der gestrandeten Kinder hineinziehen.
Vier Stunden mögen lang klingen, doch die Serie verliert zu keinem Zeitpunkt ihren Sog. Das liegt auch am treibenden Soundtrack von Cristobal Tapia de Veer, der Tierhaftes mit Chorgesang verwebt und dabei musikalische Zitate von Benjamin Britten einflicht. Die Musik verstärkt die wachsende Bedrohlichkeit der Handlung, ohne sie zu überkommentieren.
Das größte Verdienst der Serie besteht darin, dass sie trotz aller unvermeidlichen Vergleiche vollständig ihr eigenes Ding ist. Wer Yellowjackets oder Battle Royale kennt, wird Parallelen entdecken, aber keine Kopien.
Unbekannte Gesichter, starke Leistungen
Casting-Direktorin Nina Gold und Martin Ware haben ein Ensemble aus weitgehend unbekannten jungen Schauspielern zusammengestellt, das der Serie eine rohe Authentizität verleiht. Allen voran überzeugt Ike Talbut als Simon, ein Junge, der sich zwischen den beiden sich bildenden Lagern verloren findet und die moralische Zerrissenheit der Geschichte verkörpert.
Lox Pratt spielt eine tragende Rolle, wobei seine Besetzung eine pikante Randnotiz hat: Er war bereits für eine andere, noch ausstehende Serie in einer vergleichbaren Funktion verpflichtet worden. David McKenna und Winston Sawyers ergänzen das Ensemble und tragen zur dichten Gruppenchemie bei, die für die Glaubwürdigkeit der Eskalation unerlässlich ist.
Rory Kinnear hinterlässt als Erwachsener in einer rückblendengefüllten Nebenrolle einen bleibenden Eindruck, obwohl seine Bildschirmzeit begrenzt ist. Solche präzise gesetzten Auftritte zeigen, wie sorgfältig die Serie ihre Figuren auch in der Peripherie ausgearbeitet hat.
Mehr als nur ein Abenteuer
Lord of the Flies ist weit mehr als ein Überlebensdrama. Die Serie sagt alles, was Adolescence über die Brutkasten-Funktion des Internets für toxische Männlichkeit zu sagen hatte, und sagt es besser. Das ist keine Kleinigkeit, denn Adolescence galt zuletzt als Maßstab für genau diese Thematik.
Die Frage, wie Gruppen unter Druck ihre Strukturen aufbauen, wie Führung entsteht, missbraucht wird und kollabiert, wird hier nicht als historisches Gedankenexperiment behandelt, sondern als zeitlose Diagnose menschlichen Verhaltens. Die Verortung in den 1950er-Jahren schafft dabei eine nützliche Distanz, ohne die Dringlichkeit zu dämpfen.
Jack Thornes Drehbuch und Marc Mundens Regie arbeiten Hand in Hand, um eine Serie zu schaffen, die sowohl literarischen Anspruch als auch emotionale Wucht vereint. Das ist in dieser Kombination selten.
Fazit: Pflichtprogramm für Serienfans
Lord of the Flies ist eine der überzeugendsten Literaturadaptionen der jüngeren Zeit. Die Serie, ursprünglich für BBC One und den australischen Sender Stan produziert und später von Netflix für den amerikanischen Markt übernommen, beweist, dass ein fast 75 Jahre alter Roman noch immer brandaktuelles Fernsehen inspirieren kann.
In Deutschland ist die Serie bei WOW verfügbar. Wer auf der Suche nach einem Werk ist, das Schönheit und Schrecken gleichermaßen beschwört, ist hier genau richtig.
Vier Stunden Laufzeit, vier Episoden, ein geschlossenes Erlebnis: Lord of the Flies setzt einen neuen Maßstab dafür, wie man einen Klassiker ins Serienformat überführen kann, ohne ihn zu verraten oder zu kopieren.
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Artikel geschrieben von:

Sarah Becker analysiert Streaming-Highlights aus den Bereichen Krimi, Drama und Mystery mit geschultem Blick für Erzählstrukturen.
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