Daredevil: Born Again drehte das Finale in einem einzigen Tag

Das gesamte Finale wurde an einem Tag abgedreht. Silvera, der Cox und D'Onofrio seit 2014 kennt, nutzte dieses Vertrauen als Fundament für das Tempo. Für eine Serie mit diesem Anspruch ist ein einziger Drehtag pro Sequenz eine bemerkenswert knappe Rechnung.
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Drei Tage Prep, ein Drehtag
Philip J. Silvera, der als Action-Regisseur das gesamte Staffelfinale von Daredevil: Born Again verantwortet hat, arbeitete nach einem klaren Prinzip: drei Vorbereitungstage für Daredevil, drei weitere für Kingpin. Gedreht wurde jede der beiden Sequenzen dann an einem einzigen Tag. Dieses Verhältnis von aufwendiger Vorbereitung zu komprimiertem Drehtag ist kein Zufall, sondern Methode.
Silvera kennt Charlie Cox und Vincent D'Onofrio seit 2014 und weiß genau, wie weit er die beiden fordern kann. Bei Krysten Ritter, die als Jessica Jones zum ersten Mal in einer seiner Szenen mitspielte, baute er zunächst Vertrauen auf: 'Ich habe zuvor eine Sequenz mit ihr gedreht, bei der wir uns wirklich kennenlernen konnten. Ich habe verstanden, wie viel sie selbst machen wollte und wie sehr sie eingebunden sein wollte.' Das Ergebnis: Die Darsteller übernahmen nach eigenen Angaben 90 bis 95 Prozent der Action selbst.
Für die verbleibenden, zu riskanten Momente stehen Stunt-Doubles bereit. 'Wir haben großartige Stunt-Doubles', sagt Silvera knapp. Ein Satz, der im Kontext der aufwendigen Vorbereitung mehr Gewicht hat als er zunächst wirkt.
Kingpin verliert die Kontrolle
Das Finale beginnt im Gerichtssaal: Matt Murdock enthüllt öffentlich, dass er Daredevil ist, und stellt sich als Schlüsselzeuge im Verfahren gegen Vigilanten zur Verfügung. Als Kingpins Klage daraufhin abgewiesen wird und der Staatsanwalt ihn zwingt, als Bürgermeister zurückzutreten, eskaliert die Situation.
Silvera beschreibt den emotionalen Kern der Flur-Szene präzise: Wenn Kingpin in einen emotionalen Ausnahmezustand gerät, verliert er jede Beherrschung. 'Das ist das erste Mal, dass alle es sehen', erklärt Silvera. Der erste Schlag zeige sofort, wie tödlich und mächtig die Figur ist. Kingpin betritt den Flur, schaltet den größten Gegner sofort aus, und das Gefühl, in einer Falle zu sitzen, setzt sich im Publikum fest.
Für Silvera ist das kein Selbstzweck: 'Es geht nie so sehr darum, dass wir versuchen, uns selbst zu übertreffen.' Die Gewalt folgt der Emotion, nicht umgekehrt. Kingpin, der zu Beginn der Staffel von den New Yorkern zum Bürgermeister gewählt wurde, steht am Ende verlassen da, von eben jener Stadt, die er nach eigener Überzeugung liebt.
Daredevil und Kingpin als Spiegelbild
Silvera sieht in dem Aufeinandertreffen von Matt Murdock und Wilson Fisk mehr als einen Kampf. 'Sie lieben beide New York so sehr und wollen dasselbe von zwei verschiedenen Seiten derselben Münze. Und das ist die Gegenüberstellung dieser beiden Figuren.' Dieses dramaturgische Fundament zieht sich durch die gesamte Choreografie.
Die Szene ist so konstruiert, dass die Charaktereigenschaften sichtbar bleiben, auch wenn Fäuste fliegen. Murdock und Jessica Jones schützen Passanten und Journalisten, die ihnen in die Quere kommen, während sie gleichzeitig versuchen, Fisk aufzuhalten. Jessica Jones, deren Kräfte in dieser Szene schrittweise zurückkehren, greift jemanden am Arm und hebt ihn hoch. Fisk tut dasselbe, aber auf rein menschliche Weise. Silvera nennt das die 'Gegenüberstellung ihrer Charaktereigenschaften und Kräfte, aber auch den Widerspruch zu den emotionalen Momenten, die sie durchleben'.
Heather Glenn, gespielt von Margarita Levieva, und Karen Page, gespielt von Deborah Ann Woll, sind ebenfalls Teil des Finales. Karen Pages Prozess bildet den Rahmen, in dem sich die Ereignisse zuspitzen, während Murdock seine Identität preisgibt.
Jessica Jones und White Tiger im Flur
Krysten Ritter betritt als Jessica Jones den Flur und liefert dabei eine Entwicklung, die Silvera bewusst in die Choreografie eingebaut hat. Ihre Kräfte kehren im Verlauf der Szene mit voller Stärke zurück, sichtbar in einzelnen, gezielt platzierten Momenten. Silvera arbeitete erstmals mit Ritter zusammen und beschreibt die Erfahrung als produktiv: Die Zusammenarbeit begann mit einer früheren Sequenz, in der beide ihre gegenseitigen Erwartungen klären konnten.
Camila Rodriguez spielt White Tiger und komplettiert das Trio auf Seiten der Helden. Silvera hebt sie ausdrücklich hervor: 'Sie ist klein, aber mächtig in der Art, wie sie die Szene betritt.' Rodriguez war für Silvera ebenfalls eine neue Zusammenarbeit, die er sichtlich schätzt.
Die Flur-Szene schneidet dabei zwischen dem Aufruhr vor dem Gericht und der Anti-Vigilanten-Einheit hin und her. Pro-Daredevil-Zivilisten tragen rote Masken und kämpfen gegen Fisks Polizeieinheit. Die Action bleibt dabei stets an die Figuren gebunden, nicht an spektakuläre Bilder um ihrer selbst willen.
Silveras Ansatz bleibt charaktergetrieben
Silvera, der bereits an der ersten Staffel der ursprünglichen Netflix-Serie mitgewirkt hat, bringt jahrelange Erfahrung mit dem Material mit. Sein Grundsatz hat sich nicht geändert: Action muss durch die Emotionen der Figuren angetrieben werden, nicht durch das Bedürfnis, frühere Sequenzen zu übertreffen. 'Es geht nie so sehr darum, dass wir versuchen, uns selbst zu übertreffen', sagt er.
Dieser Ansatz zeigt sich in jedem Detail der Flur-Szene. Die Choreografie verrät, wer die jeweilige Figur ist, bevor ein einziges Wort fällt. Kingpin, der die Kontrolle verliert. Daredevil, der schützt, während er kämpft. Jessica Jones, die langsam zu sich selbst zurückfindet. Jede Bewegung erzählt.
Mit dem Finale schließt die erste Staffel von Daredevil: Born Again auf Disney+ einen Bogen, der mit der Wahl Fisks zum Bürgermeister begann und mit seinem öffentlichen Sturz endet. Wie es weitergeht, ist noch offen.
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Artikel geschrieben von:

Nina Wolf ist Redakteurin bei serien.de mit Fokus auf Sci-Fi, Fantasy und Mystery-Formate und langjähriger Streaming-Erfahrung.
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