Was Sharon Horgan über Frauen in Serien sagt, klingt vertraut

·04.06.2026, 20:33 Uhr·3 Min
Was Sharon Horgan über Frauen in Serien sagt, klingt vertraut
Bild: Apple TV · TMDB

Sharon Horgan benennt ein System: Frauenfiguren werden in Serien aktiv weichgespült. Beim SXSW London schilderte die Bad-Sisters-Schöpferin, wie Sender bei Catastrophe andere Vorgaben für ihre Figur machten als für die männliche Hauptrolle. Mindestens ein US-Pilot scheiterte daran, dass die Frauenfigur dem Publikum nicht zumutbar schien.

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Ungleiche Vorgaben für Frauen- und Männerfiguren

Sharon Horgan beschreibt ein Muster, das sie in ihrer Karriere immer wieder beobachtet hat: Wenn eine Serie zwei gleichwertige Hauptfiguren hat, eine weibliche und eine männliche, fallen die Produktionsvorgaben für die Frauenfigur spürbar strenger aus. Beim SXSW London erklärte sie: 'Es ist eigentlich sehr amüsant, Vorgaben zu bekommen, wenn man weiß, dass eine Serie zwei Hauptfiguren hat, eine männliche und eine weibliche, und die Vorgaben für die weibliche Figur sind meist ganz andere als die für die männliche.'

Besonders konkret wurde Horgan am Beispiel von Catastrophe, der preisgekrönten Comedyserie, die in Deutschland über Amazon Prime Video abrufbar war. In der Serie spielte sie an der Seite von Rob Delaney. Die Vorgaben, die beide erhielten, liefen in entgegengesetzte Richtungen: Delaneys Figur sollte kantiger werden, Horgans Figur sanfter.

Horgan fasste es pointiert zusammen: 'Wir machten einen Durchgang, um Sharon weniger zickig zu machen, und dann einen Durchgang, um Rob noch mehr zum Mistkerl zu machen.' Dieses Prinzip, so Horgan, ziehe sich durch die gesamte Branche.

Gescheitertes Pilotprojekt als Beweis

Horgan arbeitete an einem Pilotprojekt mit dem Titel Bad Mom, in dem ein Kind seiner Mutter einen Cocktail mixt. Das Projekt blieb unverfilmt. 'Uns war ziemlich schnell klar, dass das nie produziert werden würde', sagte sie rückblickend.

Das Beispiel steht stellvertretend für eine Reihe von Projekten, die Horgan in den USA entwickelte und die letztlich nicht in Produktion gingen, weil die weiblichen Hauptfiguren als nicht publikumstauglich galten. Der Drang zur Selbstzensur, den sie dabei entwickelte, habe sich tief eingebrannt: Er 'bleibt unter der Haut', wie sie es formulierte.

Trotz ihrer Erfolge betont Horgan, dass es nach wie vor schwer sei, Serien und Filme überhaupt in Produktion zu bringen. Die Hürden, die Autorinnen nehmen müssen, seien nach ihrer Erfahrung höher als die ihrer männlichen Kollegen.

Youth: Horgans nächstes großes Projekt

Nach dem Erfolg von Bad Sisters, das in Deutschland über Apple TV+ verfügbar ist, arbeitet Horgan bereits an ihrem nächsten Serienprojekt. Youth befindet sich aktuell in der Produktion und folgt einer 50-jährigen Geschiedenen, gespielt von Horgan selbst, die nach Liebe und Sex sucht, während sie gleichzeitig ihre kranken Eltern pflegt und ihren erwachsenen Sohn großzieht.

Die Besetzung ist prominent: Harriet Walter, Anne Reid und Freddie Fox sind ebenso mit dabei wie Sharlene Whyte, Aran Murphy und Robbie Gee. Produziert wird die Comedyserie von Horgans eigener Produktionsfirma Merman.

Youth soll Horgans Markenzeichen fortführen: Figuren, die unbequem, widersprüchlich und menschlich sind, gerade weil sie nicht glattgebügelt wurden.

Bad Sisters: Horgans Durchbruch im Streaming

Bad Sisters etablierte Horgan als eine der wichtigsten Stimmen im europäischen Serienschaffen. Die schwarze Komödie um fünf Schwestern, die den Tod des verhassten Schwagers planen, wurde vielfach ausgezeichnet und fand über Apple TV+ ein internationales Publikum.

Die Serie bewies, dass komplexe, moralisch ambivalente Frauenfiguren ein großes Publikum finden können, wenn man sie nicht künstlich entschärft. Genau das ist der Kern von Horgans Kritik an Produktionsvorgaben: Sie sieht in Bad Sisters den Gegenbeweis zu der These, dass Zuschauerinnen und Zuschauer keine kantigen Frauenfiguren akzeptieren.

Catastrophe, Horgans frühere Serie mit Rob Delaney, war bereits ein Vorläufer dieses Ansatzes. Beide Projekte zeigen, dass Horgan bereit ist, für ihre Figuren zu kämpfen.

Strukturelles Problem hinter Einzelfällen

Was Horgan beschreibt, ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Muster in der Serienentwicklung. Weibliche Figuren werden häufig dann als problematisch eingestuft, wenn sie dieselben Eigenschaften zeigen, die bei männlichen Figuren als Tiefe oder Komplexität gelten.

Horgan spricht aus einer Position, die ihr Gewicht verleiht: Sie hat Catastrophe, Bad Sisters und mehrere weitere Projekte entwickelt und produziert, kennt also beide Seiten des Tisches. Ihre Aussagen beim SXSW London sind deshalb mehr als persönliche Anekdoten, sie sind ein Branchenbefund.

Mit Youth liefert Horgan nun die nächste Antwort auf diese Strukturfrage. Eine 50-jährige Frau, die offen nach Sex sucht und dabei mit Elternpflege und einem erwachsenen Kind jongliert, ist alles andere als eine glattgebügelte Sympathieträgerin. Ob das Publikum ihr folgt, wird sich zeigen.

Quelle: Apple TVZuletzt aktualisiert: 04.06.2026, 20:33 Uhr

Artikel geschrieben von:

Julia Fischer
Autor
Julia Fischer
Sci-Fi & FantasyMysteryComedy-Serien

Julia Fischer analysiert Serien mit besonderem Fokus auf erzählerische Details, Charakterentwicklung und Genre-Mix.

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