Warum Widow's Bay gerade selbst erfahrene Seriengucker überrascht

Eine Horror-Comedy von der Ghostbusters-Autorin landet in den Top-10 der Kritikerprognosen. Katie Dippold schuf mit Widow's Bay eine Apple-TV+-Serie, die Matthew Rhys als geplagten Insel-Bürgermeister zeigt. Dass ausgerechnet dieser absurdistische Genre-Mix funktioniert, hat die wenigsten erwartet.
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Eine Serie, die alles auf einmal ist
Widow's Bay spielt auf einer verfluchten Insel in Neuengland und folgt Tom Loftis, dem geplagten Bürgermeister, gespielt von Matthew Rhys. Katie Dippold, bekannt aus 'Parks and Recreation' und dem 'Ghostbusters'-Reboot, hat die Serie erschaffen. Auf Apple TV+ ist sie in Deutschland verfügbar, auch über den Apple TV Amazon Channel.
Die Serie verbindet Stephen-King-Atmosphäre mit 'Twilight Zone'-Struktur, absurdistischem Sitcom-Ton und einem unterschwelligen Unbehagen, das an 'Get Out' erinnert. Das Verweigern einer klaren Genrezugehörigkeit ist dabei kein Manko, sondern das eigentliche Argument für die Serie. Sie kann im selben Moment komisch und beängstigend sein.
Während die Komödie-Kategorie bei den Emmys sonst Serien bevorzugt, die genau wissen, was sie sind, beweist Widow's Bay, dass Uneindeutigkeit auch eine Stärke sein kann. Mit dem Vorjahressieger 'The Studio' nicht mehr im Rennen, öffnet sich ein Fenster, das die Serie nutzen könnte.
Das Handicap mit der Frist
Nicht alles läuft reibungslos: Die letzten drei Episoden der zehn Folgen umfassenden ersten Staffel, darunter das viel diskutierte Finale, haben den Einsendeschluss vom 31. Mai verpasst. Nur die ersten sieben Episoden sind offiziell für die Emmys qualifiziert.
Das trifft besonders Stephen Root, der als exzentrischer Wyck seine stärksten Szenen in der zweiten Staffelhälfte hat, die Jurymitglieder offiziell nicht berücksichtigen dürfen. Ähnlich erging es bei 'The Bear', wo Folgen während der Abstimmungsphase ausgestrahlt wurden und Gewinner wie Ebon Moss-Bachrach gefühlt eine Staffel zu früh ausgezeichnet wurden.
Trotz des Handicaps steigt die Serie in den Prognosen. Variety sieht aktuell bis zu zehn mögliche Nominierungen. Wer mit einem strukturellen Nachteil allein durch Begeisterung punktet, ist genau der Typ Kandidat, den die Emmys gerne auszeichnen.
Rhys und ein starkes Ensemble
Matthew Rhys, Emmy-Gewinner für 'The Americans', ist in dieser Saison gleich doppelt im Gespräch. Neben Widow's Bay konkurriert er als Hauptdarsteller in der Netflix-Miniserie 'The Beast in Me', für die er bereits Golden Globe- und SAG-Award-Nominierungen erhielt. Seine mimischen Eskapaden als Bürgermeister Loftis haben Meme-Potenzial.
Das Ensemble rund um Rhys ist bemerkenswert dicht besetzt: Stephen Root als Wyck, der stoische Kevin Carroll, der leidenschaftliche Kingston Rumi Southwick, der präsente Jeff Hiller, die großartige Dale Dickey und die leise szenenklauende K Callan. In Gastrollen machen Betty Gilpin und Hamish Linklater als Gründerpaar der Insel auf sich aufmerksam.
Solche Ensembles werden von der Academy gerne gelobt, aber selten wirklich belohnt. Widow's Bay könnte das ändern, weil die Verteilung der starken Momente auf viele Schultern kein Zufall ist, sondern Konzept.
Kate O'Flynn als heimliche Trumpfkarte
Die eigentliche Entdeckung der Serie ist Kate O'Flynn. Als sozial unbeholfene Assistentin Patricia verkörpert sie eine moderne Shelley Duvall aus 'The Shining': aufgeriebene Nerven, wachsendes Entsetzen, zwei herausragende Episoden. Episode vier, 'Beach Reads', ist ihre Solo-Folge. Episode acht, 'Your Baggage', zeigt Patricia auf der Flucht vor dem Buhmann, allerdings nach dem Emmy-Einsendeschluss.
In der Emmy-Geschichte gilt eine einzelne überraschende Nebendarsteller-Nominierung oft als sicherstes Zeichen dafür, dass eine Serie größer ist, als erwartet. Katherine LaNasa bei 'The Pitt' und Annie Murphy bei 'Schitt's Creek' sind Beispiele, deren Nominierungen den Weg zur Serienauszeichnung mitgeebnet haben.
O'Flynn hat das Profil einer solchen Überraschungs-Kandidatin: eine Figur mit eigener Gravitation, gespielt von jemandem, den die Academy noch nicht auf dem Zettel hatte.
Murai und Dippold als Wildcard
Hinter der Kamera ragt Regisseur Hiro Murai heraus. Der in Japan geborene Regisseur prägte Serien wie 'Atlanta', 'The Bear', 'Mr. and Mrs. Smith' und 'Station Eleven'. Seinen einzigen Emmy-Gewinn erzielte er bisher als ausführender Produzent bei 'The Bear'. Als Regisseur blieb er trotz zwei Nominierungen, 2018 für 'Teddy Perkins' und 2022 für 'New Jazz', ohne Trophäe.
Ein Regisseur asiatischer Herkunft hat die Emmy-Kategorie für Komödienregie noch nie gewonnen. Aziz Ansari versuchte es 2016 für 'Master of None' und scheiterte. Murai wäre ein historischer Gewinner, und Widow's Bay könnte die richtige Plattform dafür sein.
Auch Katie Dippolds Pilotskript 'Welcome to Widow's Bay!' gilt als ernsthafter Kandidat in der Schreibkategorie. Der Emmy für das beste Drehbuch einer Komödie ging 13 Mal an die erste Episode einer Serie, acht davon trugen schlicht den Titel 'Pilot'. Eine Auftaktsfolge, die eine komplette verfluchte Welt in einer halben Stunde einführt, ist genau das, was Jurymitglieder gerne auszeichnen.
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Artikel geschrieben von:

Sophie Hartmann analysiert seit mehreren Jahren Serienwelten mit Fokus auf Action, Sci-Fi, Fantasy und Mystery.
Alle Artikel von SophieSophie hat einen weiteren Artikel zur selben Serie verfasst.