Warum It's a Sin Channel 4 bis heute prägt

·23.04.2026·3 Min
Bild: TMDB

It's a Sin veränderte, was britisches Fernsehen zeigen darf. Die Serie lief auf Channel 4 unter Ian Katz, der 2017 als Quereinsteiger aus dem Journalismus übernahm. Sein Erbe ist kein fertiges Programm, sondern eine Frage: Was schuldet ein öffentlicher Sender seinem Publikum?

Artikel-Inhalt

Ein Journalist übernimmt das Ruder

Als Ian Katz 2017 zu Channel 4 kam, war er nicht die naheliegende Wahl. Sein Hintergrund lag im Journalismus, nicht in der Fernsehproduktion. Er hatte Newsnight geleitet, aber keine Formate entwickelt und keine Serien über mehrere Staffeln geführt.

Jinny Howe, die damals eng mit der Senderentwicklung vertraut war, beschrieb die Ernennung intern als Wette auf eine andere Art von Führung. Keine Formatmaschine, sondern ein Kurator mit Haltung. Ob diese Wette aufging, hängt davon ab, wen man fragt.

Katz brachte eine journalistische Logik mit: Themen zuerst, dann Format. Das öffnete Türen für Projekte, die andere Sender nicht angefasst hätten. Es schloss gleichzeitig Türen für das klassische Seriengeschäft, das auf Wiedererkennbarkeit und Verlässlichkeit baut.

Mut zum Unbequemen zahlt sich aus

Katz unterstützte Stoffe, an die sich andere nicht herantrauten. It's a Sin, die Serie über die Aids-Krise in den 1980er Jahren, wurde zum emotionalen Ereignis weit über Großbritannien hinaus. Odessa A'zion und Todd Meadows gehören zu den Talenten, die in dieser Ära sichtbarer wurden, weil der Sender bereit war, unerwartete Stimmen zu fördern.

The Piano steht als deutlichstes Beispiel für ein Format aus der Katz-Ära, das sowohl emotional als auch kommerziell funktionierte. Es reiste, es berührte, es verkaufte sich. Das war selten genug, um aufzufallen.

Gleichzeitig gab es Projekte, die klug auf dem Papier wirkten, sich aber in der Ausführung selbst bewunderten. Man konnte spüren, wie das Format sich selbst auf die Schulter klopfte, ohne dass das Publikum mitgenommen wurde. Nicht jede mutige Entscheidung ist auch eine gute.

Quoten oder Gespräche: Was zählt?

Manchmal hatte man das Gefühl, dass der Sender lieber eine Debatte auslöste als Einschaltquoten zu erzielen. Das ist eine legitime Haltung für einen öffentlichen Sender, aber schwer zu verteidigen, wenn Budgets knapper werden.

Big Boys etwa dürfte eine Generation stärker prägen als vieles, was auf größeren Sendern läuft. In den klassischen Quotenauswertungen taucht die Serie kaum auf. Das ist kein Channel-4-Problem, wie Branchenbeobachter betonen. Das ist der Markt. Streaming, soziale Netzwerke und fragmentierte Aufmerksamkeit haben die alten Messgrößen obsolet gemacht.

Russell Brand, der in früheren Channel-4-Jahren eine eigene Strahlkraft hatte, steht als Gegenbild dafür, wie Aufmerksamkeit und Wirkung auseinanderfallen können. Katz zog daraus eine Konsequenz: Reichweite allein ist kein Qualitätsmerkmal.

Globale Ambitionen, lokale Aufträge

Channel 4 vergibt Aufträge lokal. Seine Zulieferer denken global. Diesen Widerspruch hat Katz nicht gelöst, aber er hat ihn unausweichlich gemacht. Produzenten wie Bruno Dumont, die international denken und arbeiten, stehen exemplarisch für eine Kreativwirtschaft, die nationale Grenzen längst überschritten hat.

Scarlett Johansson steht in diesem Zusammenhang für eine Klasse von Talenten, die Angebote global abwägen. Ein britischer Sender kann mitbieten, aber er spielt nach anderen Regeln. Katz erkannte das und versuchte, Channel 4 als kuratorische Instanz zu positionieren, nicht als Kopie internationaler Streamingdienste.

Ob das langfristig trägt, bleibt offen. Die Frage, die Katz hinterließ, ist nicht, ob Channel 4 laut genug war. Die Frage ist, ob die richtigen Leute zuhörten.

Ein Erbe, das noch wächst

Das spätere Programm unter Katz wirkte stärker und selbstsicherer. Es hatte das Gefühl, dass er in die Rolle hineingewachsen war. Die frühen Jahre zeigten Freiheit ohne klare Richtung, die späteren Jahre zeigten beides.

Katz hat die Herausforderung, vor der Channel 4 stand, nicht gelöst. Er hat sie präzisiert. Was ein öffentlicher Sender im digitalen Zeitalter leisten soll, ist keine technische Frage mehr. Es ist eine politische und kulturelle. Diese Frage ist jetzt klarer formuliert als zuvor.

Jinny Howe und andere, die mit ihm arbeiteten, beschreiben eine Ära mit echten Treffern, aber auch echter Unschärfe. Treffer, die man nicht mehr so erkannte wie früher. Eine Unschärfe, die kreativ aufregend, aber kommerziell schwer planbar war. Das Urteil über Ian Katz wird davon abhängen, welche dieser beiden Seiten die Zukunft stärker braucht.

Zuletzt aktualisiert: 23.04.2026, 20:47 Uhr

Artikel geschrieben von:

Nina Wolf
Autor
Nina Wolf
Science FictionFantasy-SerienMystery

Nina Wolf ist Redakteurin bei serien.de mit Fokus auf Sci-Fi, Fantasy und Mystery-Formate und langjähriger Streaming-Erfahrung.

Alle Artikel von Nina

Wo wird die Serie gestreamt?

Streaming-Verfügbarkeit für Deutschland • Daten von TMDB