T.A.T.u. in Heated Rivalry: Warum der Song-Einsatz bis heute nachwirkt

·13.05.2026, 16:15 Uhr·4 Min
Bild: Crave · TMDB

Ein queerer russischer Pop-Hit verändert, wie Serien Musik als Statement nutzen. Showrunner Jacob Tierney setzte T.A.T.u.s 'All the Things She Said' in der kanadisch-russischen Eishockey-Romanze Heated Rivalry auf HBO Max bewusst als politische Provokation ein. Der Schachzug funktioniert: Die Serie ist zum überraschenden Hit des Jahres geworden.

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T.A.T.u. als Affront gegen Russland

Der Einsatz von T.A.T.u.s Hit 'All the Things She Said' aus dem Jahr 2002 war eine der umstrittensten Entscheidungen der Serie. Jacob Tierney beschrieb die Wahl des Songs als bewusstes Signal: Die Nutzung eines russischen Duos, dessen Originalvideo damals skandalöse Mädchen-Küsse zeigte, in einer Geschichte über eine verbotene Liebe zwischen einem kanadischen und einem russischen Eishockeyspieler, war für ihn ein klares Statement.

Der Song erklingt in einer zentralen Szene der Serie in voller Länge, wobei sowohl die Originalversion als auch ein Cover von Harrison aus dem Jahr 2022 kombiniert werden. Dass das ursprüngliche Musikvideo inzwischen von beiden beteiligten Sängerinnen öffentlich abgelehnt wird, verlieh der Entscheidung zusätzliche Brisanz.

Für Tierney war die Botschaft eindeutig: Die Verwendung dieses spezifischen Songs in diesem spezifischen Kontext war, wie er es formulierte, ein Mittelfinger in Richtung Russland, eingebettet in eine Geschichte über queere Liebe und gesellschaftliche Tabus.

Komponist ohne TV-Erfahrung überzeugt

Den Score der Serie übernahm Peter Peter, ein in Montreal ansässiger Singer-Songwriter, der zuvor noch nie Musik für Film oder Fernsehen komponiert hatte. Die Entscheidung, einen kompletten Newcomer auf diesem Gebiet zu verpflichten, war gewagt, zahlte sich aber aus.

Beim Panel 'Scoring the Moment: Inside the Sound of Heated Rivalry' beim Departure Festival in Toronto, moderiert von Jem Aswad vom Branchenmagazin Variety, erklärte Peter Peter seinen Ansatz. Gemeinsam mit Tierney und Scotty Taylor entwickelte er eine Klangsprache, die zwischen zeitgenössischem Indie-Sound und klassischer Musik pendelt.

Tierney ließ sich bei seiner Arbeit unter anderem von Stanley Kubricks Meisterwerk 'Barry Lyndon' aus dem Jahr 1975 inspirieren, insbesondere von Händels 'Sarabande'. Auch Beethovens 'Mondscheinsonate' nennt er als einen der wichtigsten musikalischen Bezugspunkte der gesamten Serie.

Wolf Parade und Feist als Ankerpunkte

Neben dem originalen Score spielen lizenzierte Songs eine zentrale Rolle in Heated Rivalry. Zwei Veteranen der kanadischen Indie-Rock-Welle der mittleren Nullerjahre tauchen besonders prominent auf: Wolf Parade und Feist haben jeweils zwei Songs in Schlüsselszenen platziert und verzeichnen seitdem stark gestiegene Streamingzahlen.

Für Tierney war Wolf Parades 'I'll Believe in Anything' von Anfang an gesetzt. Er schrieb den Song direkt ins Drehbuch, formulierte Dialoge um ihn herum und baute ganze Episoden um diesen einen musikalischen Moment. 'Das war der einzige absolute Muss-Song', sagte er beim Panel.

Spencer Krug, Mitgründer von Wolf Parade, dürfte über die plötzliche Aufmerksamkeit erfreut sein. Die Serie hat dem Klassiker aus dem Jahr 2005 ein völlig neues Publikum erschlossen, das den Song nun in einem emotionalen Kontext erlebt, der seiner ursprünglichen Energie entspricht.

Mozart in Staffel 2 geplant

Während Tierney gerade an der zweiten Staffel schreibt, deutete er beim Festival bereits an, dass die musikalische Ambition der Serie noch weiter wachsen wird. Eine Episode der neuen Staffel soll nahezu vollständig von Mozarts 'Requiem' begleitet werden, ein außergewöhnlicher Ansatz für eine Eishockey-Romanze.

Die erste Staffel umfasst sechs einstündige Episoden und hat auf HBO Max ein begeistertes Publikum gefunden. Die Verbindung aus Sport, queerer Liebesgeschichte und konsequentem Musikeinsatz hat die Serie von einer Nischenproduktion zu einem echten Gesprächsthema gemacht.

Tierney ließ sich bei der Konzeption der Serie auch von älteren Eishockey-Filmen inspirieren: Er schaute sich 'Youngblood' aus dem Jahr 1986 mit Rob Lowe und Patrick Swayze an, um ein Gefühl für das Genre zu entwickeln, bevor er seinen eigenen, deutlich erwachseneren Ansatz verfolgte.

Musik als erzählerisches Rückgrat

Was Heated Rivalry klanglich auszeichnet, ist die Konsequenz, mit der Musik nicht als Untermalung, sondern als erzählerisches Mittel eingesetzt wird. Tierney, der nach eigener Aussage ein leidenschaftlicher Musikfan ist, behandelt jeden Soundtrack-Moment als dramaturgische Entscheidung.

Scotty Taylor als Musiksupervisor und Peter Peter als Komponist ergänzen sich dabei auf ungewöhnliche Weise: Während Taylor die Brücke zwischen Tierneys Wunschliste und den Rechteinhabern baut, entwickelt Peter Peter einen Score, der klassische Einflüsse mit modernem Indie-Sound verbindet, ohne dabei eklektisch zu wirken.

Das Ergebnis ist eine Serie, die klanglich so ambitioniert ist wie visuell. Dass ein bisher unbekannter Komponist, zwei wiederentdeckte Indie-Bands und ein russisches Pop-Duo aus den frühen Nullerjahren gemeinsam das Fundament einer der meistdiskutierten Serien des Jahres bilden, ist selbst eine Geschichte wert.

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Quelle: CraveZuletzt aktualisiert: 13.05.2026, 16:15 Uhr

Artikel geschrieben von:

Lea Zimmermann
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Lea Zimmermann
Science FictionFantasy-SerienMystery

Lea Zimmermann analysiert aktuelle Serien mit besonderem Blick für Atmosphäre, Figurenentwicklung und Erzählstruktur.

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