Schwerer als Baby Reindeer: Half Man verlangt viel Geduld

Ein Emmy-Gewinner liefert seine schwächste Arbeit ab, trotz starker Performances. Jamie Bell und Mitchell Robertson spielen sich die Seele aus dem Leib in dieser sechsteiligen HBO-Produktion. Dass ausgerechnet Gadd hier erzählerisch strauchelt, hat kaum jemand erwartet.
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Gadd kehrt mit düsterer Vision zurück
Richard Gadd hat mit Baby Reindeer einen der überraschendsten Serienerfolge der jüngeren Fernsehgeschichte geschaffen und sich vom weitgehend unbekannten Alternativkomiker zum vielfachen Emmy-Gewinner gewandelt. Mit Half Man legt er nun ein Folgeprojekt vor, das erzählerisch kaum Gemeinsamkeiten mit Baby Reindeer hat, thematisch jedoch auf demselben schweren Terrain operiert.
Die Serie dreht sich um Ruben, der zwei Jahre in einer Jugendstrafanstalt verbracht hat, und folgt ihm in ein Leben, das von den Nachwirkungen dieser Zeit geprägt ist. Gadd untersucht erneut, wie traumatische sexuelle Gewalt das Erwachsenwerden und die persönliche sowie sexuelle Entwicklung beeinflusst, eine Tendenz, die dramatisch funktioniert, aber psychologisch nicht immer überzeugt.
Wo Baby Reindeer trotz seiner Schwere Momente der Wärme kannte, etwa durch Nava Maus Figur Teri, bleibt Half Man von Anfang bis Ende von einer durchdringenden Trostlosigkeit beherrscht. Die Serie wirkt wie ein Serienprojekt, das bewusst auf jeden Lichtblick verzichtet.
Starke Darsteller in bleierner Atmosphäre
Jamie Bell liefert als zentrale Figur eine eindringliche Leistung, die dem Material gerecht wird und Half Man über weite Strecken trägt. Auch Mitchell Robertson, Stuart Campbell, Neve McIntosh und Marianne McIvor fügen sich in ein Ensemble ein, das handwerklich auf hohem Niveau agiert.
Die sechs Folgen mit einer Laufzeit von jeweils rund 30 Minuten lassen wenig Raum für Atem oder Entspannung. Was in Baby Reindeer durch das Regie-Duo Weronika Tofilska und Josephine Bornebusch noch durch visuelle Abwechslung aufgebrochen wurde, versinkt unter der Regie von Alexandra Brodski und Eshref Reybrouck in immer tieferer Düsternis.
Das Ergebnis ist eine Serie, die handwerklich respektabel ist, aber ästhetisch wenig Freude bereitet. Die Farblosigkeit der Bilder spiegelt die emotionale Schwere des Inhalts wider, was als künstlerische Entscheidung nachvollziehbar, als Seherlebnis jedoch zermürbend ist.
Toxische Männlichkeit als zentrales Thema
Half Man setzt sich mit Themen auseinander, die in der gegenwärtigen Gesellschaft von großer Relevanz sind: toxische Männlichkeit, das Schweigen über sexuelle Gewalt und die langfristigen Folgen von Trauma. Gadd versteht es, diese Themen in konkrete Figuren und Situationen zu übersetzen, ohne in plattes Lehrstück-Kino abzugleiten.
Besonders die Perspektive auf männliche Opfer sexueller Gewalt und deren gesellschaftliche Unsichtbarkeit verleiht der Serie einen eigenen, wichtigen Blickwinkel. Hier zeigt Gadd, dass sein Interesse an diesen Fragen kein einmaliges Phänomen war, sondern ein echtes künstlerisches Anliegen.
Allerdings wirkt die Wiederholung dieses Motivs, traumatische sexuelle Erlebnisse als Ausgangspunkt für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung einer Figur, mit Half Man bereits wie ein Schema. Was in Baby Reindeer frisch und erschütternd war, droht hier zur Formel zu werden.
Vergleich mit Baby Reindeer unvermeidlich
Der Vergleich mit Baby Reindeer ist unvermeidlich und fällt nicht zu Gunsten von Half Man aus. Baby Reindeer besaß trotz seiner Schwere eine erzählerische Energie und emotionale Vielschichtigkeit, die Half Man fehlen. Die neue Serie wirkt wie eine Vertiefung ohne Erweiterung.
Gadd hat nach seinem Emmy-Erfolg offensichtlich die künstlerische Freiheit erhalten, ein Projekt zu realisieren, das kompromisslos seiner Vision folgt. Das ist einerseits bemerkenswert, andererseits zeigt Half Man, dass Kompromisslosigkeit allein kein Qualitätsmerkmal ist.
Ob Figuren wie jene, die John Oliver in einer Nebenrolle verkörpert, oder die von Adam McKay verantworteten Produktionsaspekte dem Projekt mehr Profil verleihen, bleibt eine Frage, die jeder Zuschauer für sich beantworten muss. Fest steht: Half Man ist kein einfaches Seherlebnis.
Fazit: Respektabel, aber erschöpfend
Half Man ist eine Serie, die man respektieren, aber schwer lieben kann. Gadd beweist erneut, dass er ein Autor von echtem Gewicht ist, der sich nicht um Gefälligkeit schert. Doch die vollständige Abwesenheit von Wärme und Hoffnung macht die sechs Folgen zu einem Kraftakt.
Die Plattformen HBO, Netflix und Disney+ bieten mit Half Man ein Serienerlebnis, das für ein bestimmtes Publikum genau das Richtige sein kann: anspruchsvoll, kompromisslos und thematisch relevant. Wer leichte Unterhaltung sucht, ist hier grundfalsch.
Am Ende bleibt Half Man eine Serie, die mehr Fragen aufwirft als sie beantwortet, was durchaus beabsichtigt sein dürfte. Ob das ausreicht, um den Erwartungen nach Baby Reindeer gerecht zu werden, darf bezweifelt werden.
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Artikel geschrieben von:

Sophie Hartmann analysiert seit mehreren Jahren Serienwelten mit Fokus auf Action, Sci-Fi, Fantasy und Mystery.
Alle Artikel von SophieSophie hat 3 weitere Artikel zur selben Serie verfasst.