Ryan Murphy schrieb TV-Geschichte, bevor Widow's Bay überhaupt existierte

Matthew Rhys macht Comedy, und er ist besser darin als erwartet. In Widow's Bay wechselt der The-Americans-Star in ein völlig neues Register, inszeniert von Regisseuren wie Pearl-Helmer Ti West. Dass ausgerechnet ein Horror-Projekt seine komödiantische Stärke freilegt, hätte kaum jemand vorhergesehen.
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Horror verdient endlich Emmy-Respekt
Das Genre hat es nie leicht gehabt: Medizindramen und humanistische Komödien dominieren traditionell die Emmy-Landschaft, während Horror oft als Randerscheinung behandelt wird. Dabei zeigen Serien wie The Last of Us oder bestimmte Staffeln von American Horror Story, dass Schauer-Geschichten durchaus Wellen schlagen können, wenn die Akademie bereit ist hinzuschauen.
Vier Produktionen der aktuellen Saison verdienen genau diesen Blick: Widow's Bay, From, Creep Tapes und It. Jede steht für eine andere Spielart des Genres, jede hat handwerkliche Qualitäten, die in anderen Genres längst mit Trophäen belohnt worden wären.
Ryan Murphy hat vorgemacht, wie Horror-Projekte mit dem richtigen Buzzkurs in die Nominierungslisten einbrechen können. Die Frage ist, ob Voter diesmal auch Produktionen jenseits des großen Hypes entdecken.
Widow's Bay: Komödie trifft Übernatürliches
Katie Dippold hat mit Widow's Bay eine Comedy-Horror-Serie geschaffen, die den schmalen Grat zwischen Lachen und Erschrecken mit bemerkenswerter Sicherheit begeht. Die Geschichte spielt in einer neuenglischen Kleinstadt, die von übernatürlicher Aktivität durchdrungen ist, und schafft es, beide Tonlagen gleichzeitig zu bedienen, ohne in eine davon zu kippen.
Matthew Rhys liefert komödiantische Momente von feiner Qualität, weit entfernt von seinem legendären Auftritt in The Americans und seinem ebenfalls beachteten Rolle in The Beast in Me. An seiner Seite glänzt Kate O'Flynn, die in einer eigenen Spotlight-Episode zeigt, was sie kann. Beide Figuren tragen das emotionale Gewicht der Serie, das hinter den Witzen und Schreckmomenten steckt.
Optisch setzt Widow's Bay auf ein Regisseurs-Ensemble, das sowohl Surrealismus als auch Horror beherrscht: Hiro Murai, bekannt aus Atlanta, Andrew DeYoung als enger Mitarbeiter von Tim Robinson sowie Ti West, der mit Pearl bewiesen hat, wie radikal er mit Genrekonventionen umgehen kann. Das Ergebnis ist eine Serie mit einem unverwechselbaren visuellen Stil, der bei Apple TV zu sehen ist.
From: Vier Staffeln, kaum Anerkennung
Harold Perrineau spielt Boyd Stevens in der Science-Fiction-Horrorserie From seit vier Staffeln, und es bleibt unbegreiflich, dass diese Leistung bislang keine Emmy-Nominierung nach sich gezogen hat. Die Serie, entwickelt von John Griffin für MGM+, funktioniert als klassisches Rätselkasten-Format: Eine Gruppe Menschen ist in einer mysteriösen Stadt gefangen und kämpft ums Überleben.
Was From von ähnlichen Konzepten unterscheidet, ist die erzählerische Disziplin. Griffin schreibt an jeder Episode mit und sorgt dafür, dass die Geschichte organisch wächst, ohne billige Wendungen. Wo andere Mysteriumsserien nach zwei Staffeln inhaltlich ausgebrannt wirken, bleibt From konsistent und spannend.
Jenseits des Science-Fiction-Rahmens ist die Serie eine Parabel über eine zerbrochene Gesellschaft, die versucht, sich neu zu organisieren. Kostüme, Haarstyling und Casting bauen eine taktile Realität auf, die den eingesperrten Figuren Glaubwürdigkeit verleiht. Das ist Handwerk, das Emmy-Voter in anderen Genres sofort honorieren würden.
Creep Tapes: Duplass auf Shudder
Creep Tapes baut auf den beiden Spielfilmen der Reihe auf und erweitert die Mythologie rund um Mark Duplass' seriellen Mörder, der seine Opfer einzeln anlockt, die Taten aufzeichnet und die Videos anschließend obsessiv kategorisiert. Die Serie entstand in enger Zusammenarbeit mit Schöpfer und Ko-Autor Patrick Brice, der auch Regie führt.
Die zweite Staffel schlägt besonders breite Bögen: Der Creep trifft auf einen Nachahmer seiner eigenen Arbeit, gespielt von David Dastmalchian, auf einen Entführten, der zu unklug ist, um Fallen im Stil von Saw zu lösen, gespielt von Robert Longstreet, sowie auf eine düstere Variation des Joe-Exotic-Typus, gespielt von Taylor Garron. Diese Zweier-Konstellationen führen zu unerwarteten Konsequenzen und zeigen Duplass in absoluter Kontrolle seiner Figur.
Brice setzt Handkameras so ein, dass jede Szene trotz des vertrauten Found-Footage-Formats frisch wirkt. Die Drehbücher sind voller Wendungen, und die Nebenfiguren sind so zentral für die Serienstruktur, dass sie in einer gerechteren Welt selbstverständliche Kandidaten für Nebendarsteller-Kategorien wären. Creep Tapes läuft beim Streaming-Anbieter Shudder.
It: Skarsgård in Bestform in Derry
Bill Skarsgård zeigt in der Prequel-Serie It, die 1962 in der Stadt Derry spielt, die stärkste Arbeit seiner Karriere als Pennywise. Das ist keine bloße Wiederholung bekannter Muster: Die Serie erschließt die Welt jenseits des kosmischen Monsters und schafft dabei eine visuell beeindruckende Periode, die warm und nostalgisch wirkt, obwohl der Terror allgegenwärtig ist.
Das handwerkliche Niveau ist außergewöhnlich. Produktionsdesign, das eine glaubhafte Version der frühen 1960er Jahre aufbaut, Maske, die Pennywises Gesicht zu etwas wirklich Verstörendem macht, Sounddesign, das die akustischen Schrecken präzise dosiert, und Kostüme, die die Epoche atmen lassen. All das wäre in einem Historiendrama längst nominiert.
Fans der Vorlage von Stephen King fanden in der Serie genau das, was sie erhofften: eine Erweiterung des Universums, die neue Fragen stellt, statt alte Antworten zu wiederholen. Emmy-Voter sollten die Gelegenheit nutzen, diese Produktionsqualität zu würdigen, bevor die Saison ohne Horror-Nominierungen endet.
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Viele entdecken Widow's Bay erst jetzt, dabei läuft es schon stark
Fast 20 Jahre Wartezeit, dann Mundpropaganda statt Marketing-Kampagne. Katie Dippold schrieb das erste Skript als Parks-and-Recreation-Probe, zog es später kurz vor Vertragsunterschrift zurück. Dass ausgerechnet diese Serie jetzt auf Apple TV+ einschlägt, ist das Ergebnis von zwei Jahrzehnten Geduld.

Warum Kritiker bei Widow's Bay gerade so einig sind
Was macht eine Horror-Serie so gut, dass Kritiker plötzlich alle dieselbe Meinung haben? Widow's Bay läuft seit April 2026 auf Apple TV+ und hält einen Rotten-Tomatoes-Score von 97%. Ob der Hype trägt oder die Serie wirklich neu definiert, was Horror kann, müssen Zuschauer selbst entscheiden.

Widow's Bay läuft seit Wochen stark, doch viele haben sie noch nicht gesehen
Weltweit auf Platz 3, und trotzdem kennen viele die Serie nicht. Widow's Bay läuft seit Wochen stark auf Apple TV+, hält 97 Prozent bei Rotten Tomatoes und ein 92-prozentiges Publikumsscore. Das zeigt: Streaming-Erfolg und öffentliche Wahrnehmung klaffen weiter auseinander als je zuvor.
Artikel geschrieben von:

Lea Zimmermann analysiert aktuelle Serien mit besonderem Blick für Atmosphäre, Figurenentwicklung und Erzählstruktur.
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