Mehr Auswahl, weniger Qualität: Grange Hill-Schöpfer wirft Streamern Eintönigkeit vor
Ob Streaming wirklich kreativer Totengräber ist, bleibt umstritten. Phil Redmond, Grange Hill-Schöpfer, behauptet: Algorithmen ersetzen Publikumsforschung und liefern nur Kopien von Kopien. Was das für die Zukunft von Serien bedeutet, die wirklich etwas wagen wollen, ist die eigentliche Frage.
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Streaming erzeugt digitale Langeweile
Phil Redmond erhebt schwere Vorwürfe gegen US-amerikanische Streamingdienste: Sie bringen nach seiner Einschätzung eine Art digitale Langeweile in die Wohnzimmer der Zuschauer. Statt mutige, überraschende Geschichten zu erzählen, lieferten die Plattformen immer mehr vom Gleichen.
Das Paradoxe daran: Je größer die Auswahl, desto schwerer fällt es, wirklich gutes Geschichtenerzählen zu finden. Redmond vergleicht die Suche nach herausragendem Fernsehen mit dem Suchen nach einem Edelstein in einem Schwall aus Kieselsteinen.
Viele Zuschauer kennen das Phänomen aus eigener Erfahrung: Man scrollt durch endlose Kataloge, ohne sich für etwas zu entscheiden, und bemerkt plötzlich, dass man 30 Minuten verloren hat, ohne auch nur eine Folge gestartet zu haben.
Algorithmen ersetzen echte Kreativität nicht
Redmond sieht in Algorithmen kein Werkzeug für Kreativität, sondern lediglich einen Ersatz für klassische Zuschauerforschung. Das Ergebnis sei immer dasselbe: Noch mehr von dem, was bereits funktioniert hat. Und mehr vom Gleichen führe unweigerlich zu Stillstand und Langeweile.
Der Autor formuliert es pointiert: Algorithmen liefern 'Noch mehr davon'. Doch mehr vom Gleichen bedeutet mehr vom Gleichen, und mehr vom Gleichen führt zu digitaler Langeweile. Für einen Erzähler sei genau das das Gegenteil von dem, was gutes Fernsehen ausmache.
Für Redmond ist die Kunst des Geschichtenerzählens untrennbar mit Überraschung verbunden. Wer Zuschauer wirklich fesseln will, muss sie immer wieder überraschen. Das sei der Kern von Kreativität, und kein Algorithmus könne diesen Instinkt ersetzen.
Redmonds Karriere als Maßstab
Phil Redmond weiß, wovon er spricht. Als Schöpfer von Grange Hill prägte er das britische Jugendfernsehen nachhaltig. Mit Hollyoaks schuf er eine der langlebigsten Seifenopern Großbritanniens, die bis heute produziert wird.
Beide Serien stehen für einen Ansatz, der bewusst auf gesellschaftliche Relevanz und erzählerische Wagnisse setzt. Grange Hill etwa thematisierte Drogenkonsum, Mobbing und soziale Ungleichheit zu einer Zeit, als solche Themen im Kinderfernsehen als tabu galten.
Dieser Hintergrund verleiht Redmonds Kritik besonderes Gewicht. Er spricht nicht als Außenstehender, sondern als jemand, der Jahrzehnte lang bewiesen hat, dass überraschende Geschichten ein treues Publikum finden.
Scharfe Kritik an Redakteuren
Redmond spart auch die Verantwortlichen in den Sendern und Streamingdiensten nicht aus. Mit einem alten Sprichwort im Gepäck formuliert er eine steile These: Wer nicht kann, lehrt. Wer nicht einmal das kann, werde Journalist. Und wer auch das nicht schaffe, werde Redakteur, der Aufträge vergibt.
Diese provokante Aussage zielt auf jene ab, die über Inhalte entscheiden, ohne selbst kreativ tätig zu sein. Redmond sieht darin ein strukturelles Problem der Branche: Entscheidungsträger ohne eigenes erzählerisches Gespür neigten dazu, auf bewährte Formeln zu setzen statt auf echte Innovationen.
Die Kritik trifft einen wunden Punkt in einer Industrie, die sich zunehmend auf Datenpunkte und Klickzahlen verlässt, um Programmentscheidungen zu treffen.
Grange Hill und die Zukunft
Grange Hill, die legendäre britische Schulserie, die von 1978 bis 2008 lief, gilt bis heute als Meilenstein des Fernsehens. Redmonds Aussagen fallen in eine Zeit, in der das Interesse an einem möglichen Neustart der Serie immer wieder aufflackert.
Für deutsche Zuschauer, die die Serie kennenlernen oder wiederentdecken möchten, steht ein konkretes Startdatum für Deutschland bislang aus. Ob und über welchen Streamingdienst Grange Hill hierzulande verfügbar sein wird, ist derzeit nicht bekannt.
Redmonds Forderung bleibt klar: Streaming-Plattformen müssen wieder mehr Mut zu echten Überraschungen zeigen, wenn sie das Publikum langfristig begeistern wollen. Mehr Auswahl allein reicht dafür nicht aus.
Artikel geschrieben von:

Sophie Hartmann analysiert seit mehreren Jahren Serienwelten mit Fokus auf Action, Sci-Fi, Fantasy und Mystery.
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