Kritiker nehmen Lord of the Flies ernst, und das hat konkrete Gründe

Sieben Jahrzehnte lang blieb Piggy namenlos, Thorne bricht damit bewusst. Der Emmy-Gewinner drehte seine BBC-Serie zeitgleich mit Adolescence, zwischen Malaysia und Pontefract pendelnd. Wer den Roman kennt, wird diese Adaption kaum wiedererkennen.
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Piggy heißt jetzt Nicky
Eine der auffälligsten Neuerungen in Jack Thornes Serienadaption ist die Namensgebung für die Figur, die in Goldings Roman schlicht als Piggy bekannt ist. Thorne gab ihr den Namen Nicky, weil er ihr eine eigene Identität zugestehen wollte, die in allen bisherigen Verfilmungen fehlte.
Thorne erklärt die Entscheidung so: 'Ich gab ihm einen Namen für sich selbst. Ich fand, er brauchte diese Identität. Aber noch wichtiger war es für Ralph, denn seine Reise durch die Insel führt von Piggy zu Nicky.' Die Namensverschiebung markiert also auch eine emotionale Entwicklung in der Beziehung der beiden Hauptfiguren.
Darsteller Ike Talbut spielt Nicky, während Winston Sawyers als Ralph zu sehen ist. Regisseur Mark Munden inszenierte die vierteilige Produktion, in der auch Lox Pratt, Thomas Connor und David McKenna wichtige Rollen übernehmen.
Piggys Tod neu gedacht
Thorne weicht auch in einem der dramatischsten Momente des Romans vom Original ab: Nicky stirbt nicht sofort, wie es in allen bisherigen Erzählungen der Fall war. Stattdessen bleibt er lange genug am Leben, um gemeinsam mit Ralph vor den Jägern durch den Wald zu fliehen.
Diese Entscheidung verleiht dem Abschied zwischen den beiden Figuren eine neue emotionale Tiefe. Thorne selbst bezeichnet Ralphs Begräbnis von Nicky als einen seiner liebsten Momente in allem, was er je geschrieben hat.
Durch die verlängerte Überlebenszeit von Nicky wird die Freundschaft zwischen den beiden Jungen zum eigentlichen Herzstück der Serie, was Thornes zentrales Anliegen widerspiegelt: Es geht um individuelle Entscheidungen, nicht um Gruppenverhalten.
Adolescence und Lord of the Flies gleichzeitig
Dass Thorne zwei der meistdiskutierten Serien der jüngsten Zeit nahezu gleichzeitig schuf, ist kaum zu glauben. Die Dreharbeiten zu Lord of the Flies und Adolescence fanden im selben Sommer statt, zeitweise sogar parallel. Thorne pendelte zwischen Malaysia, wo Lord of the Flies gedreht wurde, und Pontefract, dem Drehort von Adolescence.
Tatsächlich begann Thorne mit dem Schreiben von Lord of the Flies noch vor Adolescence, auch wenn Letztere früher in der öffentlichen Wahrnehmung ankam. Adolescence, die er gemeinsam mit Stephen Graham entwickelte, brachte ihm schließlich den Emmy ein.
David McKenna, der in Lord of the Flies mitspielt, wurde zwischenzeitlich sogar für die Gotham Awards nominiert, was das wachsende Interesse an der Produktion unterstreicht.
Was Golding wirklich schrieb
Thorne betont, dass Lord of the Flies oft falsch gelesen wird. Die Geschichte sei kein Beweis für die unvermeidliche Brutalität von Gruppen, sondern eine sehr spezifische Erzählung über Kinder, die in den 1940er und 1950er Jahren in Großbritannien sozialisiert wurden.
Er formuliert es klar: 'Was auf dieser Insel passiert, ist keine Unvermeidlichkeit, und Golding schreibt nicht über Unvermeidlichkeit.' Die einzige Lektion, die man aus dem Stoff ziehen könne, betreffe das Verhalten von Individuen, nicht das von Gruppen.
Dieser Blickwinkel prägt auch die Serienstruktur. Thornes Adaption fragt nicht, warum Menschen kollektiv versagen, sondern wie einzelne Charaktere in Momenten extremen Drucks Entscheidungen treffen, die ihr Wesen offenbaren.
Zivilisation ist nicht Freundlichkeit
Ein zentraler Satz zieht sich durch Thornes Auseinandersetzung mit dem Stoff: 'Zivilisation ist nicht Freundlichkeit.' Damit meint er, dass gesellschaftliche Normen und Strukturen nicht automatisch das Gute im Menschen fördern, sondern oft nur Konformität erzwingen.
Die Figur des Herrn der Fliegen selbst ist in Thornes Lesart keine äußere Kraft, sondern eine innere: 'Der Herr der Fliegen ist offensichtlich er selbst, und es ist seine eigene Stimme, die zu ihm zurückgeworfen wird.' Diese psychologische Deutung gibt der Serie eine andere Qualität als frühere Verfilmungen, darunter Peter Brooks Kinoklassiker von 1963.
Thorne hatte bereits vor 15 Jahren versucht, den Stoff zu adaptieren, scheiterte aber damals. Dass die Serie jetzt, nach dem Erfolg von Adolescence, realisiert werden konnte, zeigt, wie sehr sich seine Position in der Branche verändert hat. Lord of the Flies ist bei WOW abrufbar.
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Wegen Jack Thorne bekommt Lord of the Flies eine Tiefe, die den Roman überrascht
Treu bleiben und trotzdem überraschen: Das klingt nach Widerspruch. Thorne erzählt jede der vier Episoden aus der Sicht eines anderen gestrandeten Jungen und fügt Vater-Sohn-Beziehungen ein, die Golding ausgespart hat. Wer Treue zum Roman erwartet, bekommt sie, aber nicht auf die Art, die er kennt.

Tropische Hitze, Abgeschiedenheit, Goldings Klassiker: Lord of the Flies forderte alles
Goldings Roman gilt als unlösbare Verfilmungsaufgabe: zu dunkel, zu symbolisch, zu verstörend. Marc Munden drehte trotzdem fünf Monate lang in Malaysias Hitze mit einem jungen Cast, der drei Wochen in Kuala Lumpur probte. Was dabei entstand, könnte den Klassiker endlich auf die Leinwand retten.

Warum Lord of the Flies selbst Golding-Skeptiker überzeugt
15 Jahre gescheitert, jetzt auf der größten Streamingplattform der Welt. Jack Thorne wollte den Stoff bereits für Channel 4 verfilmen, scheiterte damals an den Rechten. Netflix ermöglichte, was dem britischen TV verwehrt blieb.
Artikel geschrieben von:

Clara Hoffmann ist Serien-Redakteurin mit besonderem Fokus auf emotionale Drama-Serien und detailreiche Period Pieces.
Alle Artikel von ClaraClara hat einen weiteren Artikel zur selben Serie verfasst.