Ken Leung über Industry: Wir kämpfen um einen Platz in einer Welt, die uns nicht will

Ein Chinese-Amerikaner in einer Londoner Elite-Bank: Das System ist nicht für ihn gebaut. Ken Leung erklärt, wie er Eric Tao trotzdem zur Heimat machte, mit einem simplen Trick aus seiner Kindheit. Rot war die Farbe seiner Familie, und Rot war der Teppich der Firma, also gehörte er.
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Außenseiter in der Finanzwelt
Eric Tao, gespielt von Ken Leung, ist kein klassischer Londoner Banker. Er ist Chinese-Amerikanisch, kommt aus einer anderen Welt als die weißen Männer, die den Ton in einer vornehmen Londoner Brokerage-Firma angeben. Genau dieses Gefühl des Nicht-dazugehörens war für Leung der Ausgangspunkt seiner Figurenarbeit.
Die Hauptfiguren der Serie, darunter Harper (Myha'la), Yasmin (Marisa Abela), Rishi (Sagar Radia) und Sweetpea (Miriam Petche), verbindet dasselbe Grundgefühl. Sie alle versuchen, sich in einem System zu behaupten, das nicht für sie gebaut wurde. Showrunner Mickey Down und Konrad Kay, die selbst aus der Finanzbranche stammen, haben diesen Widerspruch zum Kern der Serie gemacht.
Leung beschreibt seinen Ansatz so: 'Wir versuchen, uns unseren Platz in einer Welt zu erkämpfen, die nicht für uns gemacht ist.' Dieser Satz war sein erster Kompass, bevor er auch nur eine Szene gedreht hatte.
Rotes Teppich als Heimatgefühl
Ein konkretes Detail aus dem Serienset half Leung, Eric zu verankern: der rote Teppich auf dem Handelsboden in Staffel 1. Für ihn war das kein Zufall, sondern ein persönliches Signal.
Leung erklärt: 'Für Chinesen ist Rot eine Glücksfarbe, und in meinem Fall war es auch eine Familienfarbe. Unser Teppich zu Hause war rot, unser erstes Familienauto war rot, unser Haus war rot.' Dieser Teppich verwandelte den fremden Ort in etwas Vertrautes.
Aus dieser Erkenntnis zog er seine erste Spielregel: alle Signale des Ausgeschlossenseins ignorieren und stattdessen sagen, 'Niemand gehört hier mehr dazu als ich.' Das war die Grundlage, auf der alles andere aufbaute.
Myha'la als zweiter Baustein
Den zweiten entscheidenden Baustein für seine Figur fand Leung in seiner Kollegin Myha'la. Die Chemie zwischen den beiden stellte sich von Anfang an ein, fast wie eine bereits bestehende Beziehung. 'Es fühlte sich an, als würden wir uns schon kennen', sagt Leung.
Über drei Staffeln entwickelten Eric und Harper eine toxische Mentor-Mentee-Beziehung, die Züge einer Vater-Tochter-Dynamik trug. Diese Verbindung war nie unkompliziert, aber sie war echt. Leung und Myha'la haben diese Spannung gemeinsam aufgebaut, Staffel für Staffel.
Dass die beiden inzwischen sechs Jahre miteinander gearbeitet haben, ist im Seriengeschäft ungewöhnlich. Solche langen, gewachsenen Arbeitsbeziehungen zwischen zwei Hauptdarstellern sind selten, und sie hinterlassen Spuren in der Qualität der gemeinsamen Szenen.
Staffel 4: Gleichgewicht statt Hierarchie
Staffel 4 beginnt mit einem Eric, der aus dem aktiven Berufsleben gedrängt wurde. Er sitzt in einem goldenen, aber öden Ruhestand fest, bis Harper ihn zurück nach London holt. Gemeinsam gründen sie das Unternehmen SternTao, wobei Harpers Name zuerst steht.
Die Machtverschiebung ist deutlich: 'Das Interessante an Staffel 4 ist, dass ich sie mehr brauche als sie mich', sagt Leung über seine Figur. Eric kehrt nicht als Mentor zurück, sondern als jemand, der selbst Orientierung sucht.
Hinter Erics Rückkehr steckt laut Leung auch eine unbewusste Motivation: Harper versteht ihn auf eine Weise, die ihm helfen könnte, den Weg zu seiner entfremdeten Tochter zu finden. 'Vielleicht kann ich durch sie lernen, wie ich meine Tochter erreiche', beschreibt Leung Erics inneren Antrieb. Das erklärt, warum Eric Harper in dieser Staffel erstmals wirklich väterlich behandelt.
Abschied nach sechs Jahren
Erics alter Kontrollimpuls zerstört das Neue, das er mit Harper aufgebaut hat. Der Tiefpunkt zwingt ihn schließlich zur einzig richtigen Entscheidung: Er übergibt SternTao vollständig an Harper. Es ist ein emotionaler Abschied, der durch die reale Geschichte der beiden Schauspieler noch schwerer wiegt.
Leung beschreibt die Abschiedsszene nicht als etwas, das man vorher festlegen kann: 'Du bereitest dich darauf vor, so offen wie möglich zu sein, und dann lässt du es einfach passieren.' Diese Haltung, loslassen statt kontrollieren, spiegelt Erics gesamten Bogen in Staffel 4.
Für Mickey Down und Konrad Kay schließt sich damit ein Kreis. Die beiden Showrunner haben eine Serie erschaffen, die durch ihre Spezifität im Londoner Finanzumfeld universelle Figuren hervorgebracht hat. Eric Taos Ende ist kein Scheitern, sondern eine seltene Form von Reife.
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Artikel geschrieben von:

Sophie Hartmann analysiert seit mehreren Jahren Serienwelten mit Fokus auf Action, Sci-Fi, Fantasy und Mystery.
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