Geheimtipp war gestern: Industry bewirbt sich jetzt offiziell um den Emmy

Industry ist kein Geheimtipp mehr, und das spürt die Emmy-Academy. Die HBO-Serie um Nachwuchsbanker in London verzeichnete in Staffel 4 einen Zuwachs von 20 Prozent und wird erstmals als ernsthafter Preiskandidat gehandelt. Für Fans bedeutet das: Die letzte Staffel kommt mit maximalem Druck und maximaler Aufmerksamkeit.
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Vom Geheimtipp zum Emmy-Kandidaten
Industry startete im November 2020, mitten in der Pandemie, und gewann zwar schnell Kritikerlob, fand sein Publikum aber nur langsam. Das änderte sich mit jeder neuen Staffel spürbar: Der Auftakt von Staffel 4 verzeichnete einen Zuwachs von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Serie, die ehrgeizige Nachwuchsbanker in einem gnadenlosen Londoner Investmenthaus zeigt, hat sich von einem Nischenprodukt zu einem echten Gesprächsstoff entwickelt.
Lange Zeit ignorierte die Television Academy die HBO-Produktion vollständig. Nun, mit Staffel 4 und einer starken Leistung von Myha'la in der Hauptrolle der Harper Stern, wird die Serie erstmals als ernsthafter Emmy-Anwärter gehandelt. Kollegin Marisa Abela hatte bereits bei den BAFTAs abgeräumt: Sie gewann für ihre Rolle in Staffel 3 eine der begehrten britischen Trophäen.
Die Besetzung wurde im Laufe der Jahre immer prominenter. Kit Harington stieß als Gaststar dazu und sorgte für zusätzliche Aufmerksamkeit. Ken Leung verkörpert Harper Sterns Mentor Eric, eine Figur, deren Abgang in Staffel 4 zu den emotionalsten Momenten der gesamten Serie gehört.
Harper Stern: Verlust auf allen Fronten
Staffel 4 zeigt Harper Stern an einem Tiefpunkt, den die Serie bisher vermieden hatte. Sie trauert um ihre entfremdete Mutter, verliert ihren langjährigen Mentor Eric und kämpft gleichzeitig darum, ihren eigenen neuen Fonds am Leben zu erhalten. Myha'la beschreibt die Vorbereitung auf diese Staffel so: Sie habe sich einfach in Harpers Lage versetzt und die Emotionen auf sich einwirken lassen, ohne den aufwendigen Vorbereitungsprozess, den sie sonst für fremde Rollen benötigt.
Besonders die Szene rund um den Tod von Harpers Mutter bewegte viele Zuschauer. Die Figur taucht nie auf dem Bildschirm auf, was im Netz für lebhafte Diskussionen sorgte. Myha'la erklärte gegenüber The Hollywood Reporter: 'Das sagt mir, wie sehr die Leute in Harper investiert sind.' Manche Episoden-Drehbücher umfassten bis zu 130 Seiten, was bei einer Serie mit 60-Minuten-Episoden unweigerlich zu harten Schnittentscheidungen führt.
Die Dynamik zwischen Harper und Yasmin, gespielt von Marisa Abela, gipfelt in einer bewegenden Szene in der vorletzten Episode. Im Finale gehen die beiden Figuren jedoch wieder auf Konfrontationskurs: Yasmin schlägt einen beunruhigenden neuen Weg ein, der Myha'la zufolge wie das Beobachten einer Katastrophe in Zeitlupe wirkte.
Myha'la über Harpers Menschlichkeit
Myha'la betont, dass Harper für sie keine Schurkin ist. Die Figur handle nie mit der Absicht, andere zu verletzen, sondern schütze ein zutiefst traumatisiertes Inneres. Dieses Verständnis sei notwendig, um Harpers oft moralisch fragwürdige Entscheidungen glaubwürdig zu spielen, ohne sie dafür zu verurteilen.
Die Darstellerin spricht auch offen über eine persönliche Dimension ihrer Arbeit. Als schwarze Frau empfinde sie es als entwürdigend, schwarze Frauenfiguren auf dem Bildschirm zu sehen, die eindimensional wirken und keine Widersprüche in sich tragen. Harper sei deshalb mehr als eine Rolle: 'Sie fühlt sich wie ein Teil von mir an. Wie meine Schwester, aber auch wie eine Freundin, die dringend Therapie braucht.'
Diese Haltung prägt auch Myha'las Engagement für die Serie insgesamt. Sie setzt sich öffentlich für Industry ein und spricht offen darüber, dass die Television Academy die Produktion bisher übergangen hat. Dabei bleibt ihr Ton bemerkenswert gelassen: Großartigkeit brauche keine externe Bestätigung.
Emmy-Hoffnung ohne Abhängigkeit
Auf die Frage, ob sie sich eine Emmy-Nominierung wünsche, antwortet Myha'la mit einer Mischung aus Bescheidenheit und Selbstbewusstsein. Sie sei mit dem Gedanken aufgewachsen, dass Exzellenz keine Anerkennung von außen brauche. Gleichzeitig macht sie keinen Hehl daraus, dass eine Nominierung oder ein Gewinn für das gesamte Team bedeutsam wäre: 'Ich würde so sehr weinen, wenn einer von uns einen Emmy gewönne.'
Sie erinnert daran, dass es viele gefeierte HBO-Serien gibt, die trotz Kultstatus niemals eine Emmy-Nominierung erhielten. Industry könnte in diese Reihe eintreten oder sie durchbrechen. Für Myha'la zählt am Ende beides: der mögliche Triumph und das Bewusstsein, unabhängig davon etwas Besonderes geschaffen zu haben.
Marisa Abelas BAFTA-Gewinn für Staffel 3 gilt intern bereits als Bestätigung des künstlerischen Niveaus. Ob die Television Academy nachzieht, entscheidet sich in den kommenden Wochen.
Staffel 5 wird das Serienfinale
Industry endet nach der kommenden fünften Staffel. Das Finale der Serie ist damit beschlossene Sache. Myha'la hat nach eigenen Angaben bereits sehr frühe Entwürfe der ersten beiden Episoden gelesen und zeigt sich begeistert: 'Klassisches Industry', lautet ihr Urteil, mehr verrät sie nicht.
Was das für Harper Stern bedeutet, bleibt offen. Staffel 4 ließ die Figur in einer emotional erschöpften, aber auch gereiften Verfassung zurück. Ein abschließender Bogen, der diese Entwicklung würdigt, scheint den Machern wichtig zu sein.
Ein konkreter Starttermin für Staffel 5 steht noch aus. In Deutschland wird Industry bei WOW gestreamt, wo alle bisherigen Staffeln verfügbar sind.
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Artikel geschrieben von:

Clara Hoffmann ist Serien-Redakteurin mit besonderem Fokus auf emotionale Drama-Serien und detailreiche Period Pieces.
Alle Artikel von ClaraClara hat 2 weitere Artikel zur selben Serie verfasst.