Abgesetzt, aber nicht vergessen: Boots kehrt als Emmy-Kandidat ins Gespräch zurück.

·05.06.2026, 19:16 Uhr·3 Min
Abgesetzt, aber nicht vergessen: Boots kehrt als Emmy-Kandidat ins Gespräch zurück.
Bild: Netflix · TMDB

Eine abgesetzte Serie mischt das Emmy-Rennen 2026 auf. 'Boots' Staffel 1 erreichte 30,7 Millionen Aufrufe bei Netflix und 90 Prozent auf Rotten Tomatoes. Nun zwingt die Branche den Streamingdienst, eine Absetzung trotz Spitzenzahlen zu erklären.

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Mehr Aufrufe als die Konkurrenz

Als Netflix seinen Engagement-Bericht für die zweite Hälfte des Jahres 2025 veröffentlichte, feierte der Streamingdienst 'Nobody Wants This' Staffel 2 mit 30,4 Millionen Aufrufen und 'Emily in Paris' Staffel 5 mit 30,3 Millionen Aufrufen als Erfolge im Komödienbereich. Was dabei auffällig fehlte: 'Boots' Staffel 1, die mit 30,7 Millionen Aufrufen beide Produktionen übertraf.

Die Serie erzielte zudem eine Bewertung von 90 Prozent auf der Kritiker-Plattform Rotten Tomatoes. Das Branchenblatt Variety bezeichnete sie als 'erfreulich und herzerwärmend'. Trotzdem entschied Netflix, keine zweite Staffel zu bestellen.

Produzent Brent Miller, der jahrelang Norman Lears Produktionsfirma Act III leitete, beschreibt die Situation diplomatisch: 'Es ist enttäuschend, dass die Entscheidung, aus welchem Grund auch immer, darin bestand, nicht weiterzumachen.' Als offizielle Begründung nannte Netflix finanzielle Gründe.

Das Erbe von Norman Lear

'Boots' trägt eine besondere historische Last: Es war das letzte Projekt, das von Norman Lear als ausführender Produzent betreut wurde. Lear, eine der prägendsten Figuren der amerikanischen Fernsehgeschichte, starb 2023. Brent Miller, der Lears Act-III-Produktionsfirma über viele Jahre geführt hatte, brachte das Projekt nach Lears Tod zum Abschluss.

Die Serie basiert auf den Memoiren des ehemaligen US-Marines Greg Cope mit dem Titel 'The Pink Marine'. Im Mittelpunkt steht Cameron, gespielt von Miles Heizer, der sich gemeinsam mit seinem Freund Ray, gespielt von Liam Oh, für den Dienst bei den Marines entscheidet, während er gleichzeitig mit seiner eigenen Identität und Sexualität ringt.

Die Handlung spielt in den 1990er Jahren, kurz vor dem Golfkrieg und noch vor der 'Don't Ask, Don't Tell'-Politik. Die Serie schildert sowohl die körperlichen und emotionalen Strapazen des dreimonatigen Grundausbildungslagers als auch die tiefen Bindungen, die dabei entstehen.

Pentagon-Kritik als Ehrenzeichen

Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte Kritik aus ungewöhnlicher Quelle: Das US-Verteidigungsministerium bezeichnete 'Boots' öffentlich als 'woke Müll'. Produzent Miller ließ diese Kritik jedoch kalt. 'Als das Pentagon sich einmischte, war das ehrlich gesagt ein Ehrenzeichen', sagte er. 'Denn für mich war klar, dass sie die Serie wirklich nicht gesehen hatten.'

Beobachter spekulieren, ob Netflix mit der Absetzung auch politischen Druck abfedern wollte. Der Streamingdienst, wie viele Medienunternehmen derzeit, bemüht sich um ein gutes Verhältnis zur Trump-Administration. Die Pentagon-Kritik könnte die Serie zum politischen Risiko gemacht haben, auch wenn Miller selbst Netflix-Manager als aufrichtige Fans der Serie beschreibt.

Miller betonte, die Verantwortlichen bei Netflix hätten die Serie 'wirklich geliebt' und seien 'stolz auf sie' gewesen. Die tatsächlichen Hintergründe der Absetzung bleiben damit im Dunkeln.

Sony scheitert, HBO siegt

Nach der Absetzung versuchte Sony, als Produktionspartner eine neue Heimat für 'Boots' zu finden. Diese Bemühungen blieben erfolglos. Kein anderer Anbieter sprang ein, um die Serie fortzuführen.

Wenige Monate später feierte HBO Max mit 'Heated Rivalry' einen großen Erfolg. Die Serie handelt ebenfalls von jungen schwulen Männern, die ihre Identität in einer oft feindseligen Welt entdecken, und traf offenbar einen Nerv beim Publikum. Die thematische Nähe zu 'Boots' macht das Scheitern der Sony-Suche im Nachhinein noch bitterer.

Für die Emmy-Saison ist 'Heated Rivalry' allerdings nicht im Rennen. Das eröffnet 'Boots' eine Lücke: Wer in der Branche ein Zeichen setzen will, findet in der abgesetzten Netflix-Serie eine prominente Option.

Emmy als letzte Hoffnung

'Boots' wurde für die Emmy Awards eingereicht. Produzent Miller setzt darauf, dass Branchenmitglieder die Serie als Statement-Wahl nutzen, gerade weil 'Heated Rivalry' nicht zur Verfügung steht. Eine Nominierung wäre zwar keine Garantie für eine Fortsetzung, aber ein starkes Signal.

Miller gibt zu, dass eine zweite Staffel möglicherweise nicht mehr zustande kommt. Dennoch hat er die Geschichte im Kopf: Eine Fortsetzung würde Cameron und Ray in den Krieg schicken. 'Vielleicht wird eine Emmy-Nominierung die Meinung einiger Leute ändern, die die Macht haben, solche Entscheidungen zu treffen, und uns zurück in den Krieg bringen, wenn das der Weg für eine zweite Staffel ist', sagte Miller.

Ob die Emmy-Hoffnung aufgeht, bleibt offen. Fest steht: 'Boots' ist auf Netflix weiterhin abrufbar, und das Publikum hat die Serie längst für sich entdeckt, auch ohne zweite Staffel.

Quelle: NetflixZuletzt aktualisiert: 05.06.2026, 19:16 Uhr

Artikel geschrieben von:

Anna Schneider
Autor
Anna Schneider
Science FictionFantasy-SerienMystery

Anna Schneider analysiert Serien von düsteren Mystery-Stoffen bis zu leichteren Komödien mit Fokus auf Erzählstruktur und Figurenentwicklung.

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