Warum Cat's Eyes gerade ein Publikum erreicht, das Anime-Fans längst vergessen hatte

Eine Manga-Adaption zwingt das lineare TV zur Neuberechnung seiner Zielgruppen. Cat's Eyes holte 46 Prozent der 15- bis 24-Jährigen zu TF1, einem Sender mit einem Kernpublikum von durchschnittlich 56 Jahren. Die achtteilige Serie läuft nun in über 50 Ländern und beweist, dass Anime-Stoff ohne Anime-Publikum funktioniert.
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Manga trifft französisches Fernsehen
Cat's Eyes basiert auf dem gleichnamigen Manga von Tsukasa Hojo, der in Japan ab 1981 erschien und in Frankreich eine ganze Generation prägte. Die Produktionsfirma Big Band verfolgte die Rechte an Hojos Werk fast ein Jahrzehnt lang, bevor formale Verhandlungen mit den Rechteinhabern schließlich fünf bis sechs Jahre in Anspruch nahmen. Dieser lange Atem zahlte sich aus: Die fertige Serie übertraf alle Erwartungen.
Regisseur Alexandre Laurent setzte die Geschichte der drei Schwestern um, die tagsüber ein Café betreiben und nachts als Kunstdiebinnen agieren. In den Hauptrollen sind Camille Lou, Constance Labbé und Claire Romain zu sehen, während MB14 den Soundtrack prägt. Episodenregie übernahm unter anderem Xavier Gens, bekannt für sein Gespür für Tempo und visuelle Energie.
TF1 ist traditionell ein Sender mit einem Kernpublikum, das im Schnitt 56 Jahre alt ist. Dass ausgerechnet eine Manga-Adaption die Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen mit 46 Prozent Marktanteil ansprach, verblüffte die Verantwortlichen. Rodolphe Buet, Vertriebschef von StudioTF1, sprach offen von einem Ergebnis, das niemand in dieser Größenordnung vorhergesagt hatte.
Europäische Sender als Mitfinanziers
Das Budget von mehr als 20 Millionen Euro wäre ohne internationale Partner kaum zu stemmen gewesen. RAI aus Italien und das ZDF aus Deutschland stiegen als Mitfinanziers ein, nachdem StudioTF1 eine gezielte Pitchkampagne auf europäischen Märkten gefahren hatte. Beide Sender erkannten das Potenzial der Vorlage für ihre jeweiligen Zuschauergruppen.
Die Beteiligung des ZDF sichert deutschen Zuschauerinnen und Zuschauern den Zugang zur Serie. Damit wird Cat's Eyes nicht nur als Importprodukt wahrgenommen, sondern ist Teil einer echten europäischen Koproduktion, in der Deutschland von Beginn an eine Rolle spielte.
Dieses Modell, bei dem öffentlich-rechtliche Sender früh in den Prozess eingebunden werden, gilt in der Branche als wegweisend für teure Adaptionen außereuropäischer Stoffe. Es verteilt das finanzielle Risiko und schafft gleichzeitig garantierte Ausstrahlungsplätze in mehreren großen Märkten.
Globaler Vertrieb auf allen Kanälen
Nach dem Erfolg in Frankreich verkaufte StudioTF1 die Serie in mehr als 50 Länder. Für den US-amerikanischen Markt sicherte sich Hulu die Rechte. Rodolphe Buet betonte, Hulu sei wohl die beste Plattform für nicht-englischsprachige Serien in den Vereinigten Staaten, da der Dienst ein besonders aufgeschlossenes Publikum für internationale Inhalte aufgebaut habe.
Prime Video übernahm das zweite Ausstrahlungsfenster in Frankreich sowie die Rechte für Japan und Lateinamerika. Damit schließt sich ein symbolischer Kreis: Eine Serie, die auf einem japanischen Manga basiert, kehrt über eine der größten Streaming-Plattformen der Welt in ihr Ursprungsland zurück.
Die Kombination aus linearer Erstausstrahlung auf TF1, öffentlich-rechtlicher Koproduktion mit ZDF und RAI sowie Streaming-Deals mit Prime Video und Hulu zeigt, wie vielschichtig moderne Serienvermarktung funktioniert. Kein einzelner Kanal hätte die Reichweite erzielt, die das Gesamtpaket ermöglicht.
Japan IP Market als Branchentreffpunkt
Die Erkenntnisse aus der Produktion und dem Vertrieb von Cat's Eyes wurden auf dem Japan IP Market präsentiert, einem dreitägigen Branchenevent, das gemeinsam mit TIFFCOM im Rahmen der Ehrengast-Designation Japans veranstaltet wurde. Es war die erste Ausgabe dieses Formats, das japanische Stoffe gezielt für internationale Adaptionen zugänglich machen soll.
Rodolphe Buet nutzte die Bühne, um über die Lektionen zu sprechen, die der globale Rollout von Cat's Eyes gelehrt hat. Zentral war dabei die Erkenntnis, dass Nostalgie allein nicht reicht: Die Produktion musste die Vorlage für ein heutiges Publikum übersetzen, ohne den Kern der Geschichte zu verraten.
Andere Beispiele zeigen, dass Frankreich bei der Adaption japanischer Stoffe eine besondere Rolle spielt. Serien wie Miraculous Ladybug oder die Neuauflage von Goldorak haben bereits bewiesen, dass die kulturelle Verbindung zwischen beiden Ländern tief ist. Cat's Eyes reiht sich in diese Tradition ein und hebt sie auf ein neues Produktionsniveau.
Zweite Staffel und weitere Perspektiven
Cat's Eyes wurde für eine zweite Staffel verlängert, was angesichts der Quoten wenig überraschend ist. Ob Alexandre Laurent wieder Regie führt und ob das Ensemble mit Camille Lou, Constance Labbé und Claire Romain vollständig zurückkehrt, wurde bislang nicht offiziell bestätigt. Ein konkreter Starttermin für Staffel 2 steht noch aus.
Im Umfeld der Produktion wurden auch Namen wie Rami Malek und Ira Sachs genannt, die im weiteren Kontext des Projekts eine Rolle spielen sollen. Details dazu sind bislang spärlich, deuten aber darauf hin, dass die internationale Ausrichtung der Serie weiter ausgebaut werden soll.
Für die Branche ist Cat's Eyes mehr als eine erfolgreiche Serie: Es ist ein Beweis dafür, dass japanisches geistiges Eigentum mit dem richtigen Partner, ausreichend Budget und einer klugen Vertriebsstrategie weltweit funktionieren kann. Die Frage ist nun, welcher Stoff als nächstes diesen Weg geht.
Artikel geschrieben von:

Julia Fischer analysiert Serien mit besonderem Fokus auf erzählerische Details, Charakterentwicklung und Genre-Mix.
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