Triumph und Terror zugleich: Star City startet stärker als erwartet

Das erste For All Mankind Spinoff setzt neue Maßstäbe für Paranoia-Thriller. Star City läuft seit dem Premiere-Wochenende auf Apple TV+ und zeigt die UdSSR der 60er aus der Innenperspektive. Rhys Ifans trägt das Gewicht dieser Welt, und das Ergebnis übertrifft die Erwartungen.
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Sowjetische Paranoia als Serienmotor
Star City spielt in der UdSSR der 1960er Jahre und dreht die Perspektive von For All Mankind radikal um: Statt des amerikanischen Weltraumwettlaufs zeigt das Spinoff den sowjetischen Apparat von innen. Bereits in der ersten Szene wird eine Kosmonauten-Ehefrau ohne Erklärung aus ihrer Wohnung gezerrt, nur um zu erfahren, dass ihr Mann gerade als Erster den Mond betreten hat. Triumph und Terror sind in dieser Welt untrennbar.
Rhys Ifans spielt den Chefkonstrukteur, den Architekten des Mondprogramms, dessen Name aus Sicherheitsgründen geheim bleibt. Er erhält eine Auszeichnung für den Erfolg, doch die Zeremonie findet vor leeren Stühlen statt, und der Pin wird ihm sofort wieder abgenommen. Serienmitschöpfer Matt Wolpert beschrieb gegenüber TV Insider den Kern der Serie so: 'Das Publikum in For All Mankind sieht nur eine Übertragung von ihr, lächelnd auf dem Mond. Star City erzählt, was es sie gekostet hat, dorthin zu gelangen, und welchen Preis sie nach der Rückkehr zahlen musste.'
Genau dieser Kontrast zwischen öffentlichem Triumph und privatem Albtraum ist das Herzstück des Formats. Die Serie wurde offiziell als 'mitreißender Paranoia-Thriller' angekündigt, und die Premierenfolgen lösen dieses Versprechen konsequent ein.
Ifans: Kosmonauten als Ersatzfamilie
Rhys Ifans gibt dem Chefkonstrukteur eine stille, verletzliche Tiefe. Die Figur hat jahrelang im Gefängnis gesessen, hat keine eigene Familie, keine Kinder. Ifans erklärt seine Rolle gegenüber TV Insider: 'Er sieht die Kosmonauten als seine Ersatzkinder. Er verlangt viel von ihnen, und jeder Einzelne ist bereit dazu. Einen von ihnen zu verlieren ist verheerend. Es ist, als würde man ein Familienmitglied verlieren.'
Diese emotionale Verwurzelung macht den Konstrukteur zur moralischen Mitte der Serie. Als die Kosmonautin Yana (Niamh Algar) unter Folter ein Geständnis ablegt und als Spionin verurteilt wird, glaubt er nicht an ihre Schuld. Er ist derjenige, der Anastasia Belikova (Alice Englert) mitteilen muss, dass sie Yanas Platz auf der Mondmission übernimmt.
Parallel dazu verfolgt der Konstrukteur heimlich einen noch ambitionierteren Plan: eine bemannte Venus-Mission, die er im Verborgenen vorbereitet. Darsteller Ifans zeigte sich von diesem Detail begeistert und betonte, dass die Sowjetunion historisch tatsächlich Pläne für eine solche Mission hatte.
Alice Englert über Belikovas Mut
Anastasia Belikova ist keine Heldin aus freiem Willen, zumindest nicht am Anfang. Alice Englert beschreibt ihre Figur so: 'Ihr Mut, der enorm ist, kommt aus Angst und Verzweiflung. Sie ist jemand, dem als Kind Liebe und Bestätigung verweigert wurden, in einer Kultur, die den Menschen Bestätigung, Liebe und Individualität entzogen hat. Am Beginn der Geschichte denkt sie nicht daran, Entscheidungen zu treffen. Sie denkt daran, zu gehorchen.'
Genau diese Passivität macht Belikovas Entwicklung so wirkungsvoll. Während des gefährlichen Weltraumausstiegs, der die Mission rettet und ihr beinahe das Leben kostet, handelt sie zum ersten Mal aus eigenem Antrieb. Auf dem Mond weicht sie dann vom vorgeschriebenen Skript ab und widmet ihren Auftritt der hingerichteten Yana, woraufhin die Übertragung sofort unterbrochen wird.
Kosmonauten-Kollege Valya (Adam Nagaitis) empfängt Belikova zunächst mit offener Feindseligkeit. Nagaitis erklärt seine Figur mit den Worten: 'Wir haben keine Zeit für Gefühlsduselei. Politik kommt nicht auf dieses Raumschiff, sobald wir an Bord sind. Das hier ist kein Spiel. Das ist Leben oder Tod.' Die Kälte ist keine persönliche Ablehnung, sondern das einzige Überlebenskonzept, das Valya kennt.
Raskova: Mord als Systemlogik
Anna Maxwell Martin spielt Geheimdienstchefin Lyudmilla Raskova als Frau ohne Zögern. Als Irina Morozova (Agnes O'Casey) darauf besteht, dass Yana unschuldig ist, nimmt Raskova sie mit in die Gefängniszelle, steckt ihr eine Waffe in die Hand und fordert sie auf, abzudrücken. Als Irina versagt, erschießt Raskova Yana selbst. Ihre Begründung: 'Wir verhaften keine Unschuldigen, Genosse. Unsere Macht hängt davon ab.'
Maxwell Martin kommentiert die Szene nüchtern: 'Sie ist ein Rädchen im KGB, und das ist ihr Job. Sie liefert, weil sie sonst selbst dran ist. Es ist ein Haifischbecken. Nein, ich glaube nicht, dass sie zögert.' Die Figur operiert nicht aus Sadismus, sondern aus nacktem Selbsterhaltungstrieb innerhalb eines Systems, das Mitgefühl bestraft.
Dass Raskova in einer späteren Szene Irina als Dolmetscherin bei einem deutschen Verhör einsetzt, obwohl sie selbst fließend Deutsch spricht, entlarvt ihre eigentliche Absicht. Wie eine Nebenfigur bemerkt: 'Sie hätte das die ganze Zeit selbst machen können. Das Ganze dient nur dazu, Irina zu zeigen: Ich kontrolliere dich. Ich kontrolliere die Geschichte. Du tust, was ich sage.'
Irina zwischen Moral und Gewalt
Agnes O'Casey zeichnet Irina Morozova als Frau, die mit naivem Idealismus in den Geheimdienst eintritt und brutal desillusioniert wird. O'Casey erklärt: 'Als wir Irina kennenlernen, versteht sie die inneren Mechanismen des KGB nicht wirklich. Sie ist darauf fixiert, den ehrlichen Namen zu rehabilitieren, weil sie glaubt, das sei moralisch das Richtige. Als sie ins Gefängnis geht und Yana sieht, glaubt sie wirklich, dass man sie freilassen wird.'
Die Hinrichtung Yanas ist der Moment, der Irinas Weltbild zerstört. Doch anstatt zu kapitulieren, geht sie in der zweiten Folge selbst zur Gewalt über, als sie einen deutschen Informanten foltert, um ein Geständnis zu erzwingen. O'Casey verteidigt die Handlung ihrer Figur: 'Sie tut es, um ihn zu schützen. Sie denkt, sie rettet sein Leben. Sie hasst jede einzelne Sekunde davon. Sie weint, weil sie in der Hölle ist.'
Ruby Ashbourne Serkis als Tanya Markelova und Solly McLeod als Sasha Polivanov liefern derweil die menschlichste Nebenhandlung: eine Affäre, die Tanya Kontrolle gibt und Sasha als Flucht aus der Todesangst vor Weltraumflügen dient. McLeod beschreibt seinen Charakter als jemanden, dessen 'Unreife und Prahlerei aus Unsicherheit kommen, eine Fassade, sein Weg, mit der Unterdrückung umzugehen und sich selbst zu sabotieren, um nicht in diesen Abgrund des Todes fliegen zu müssen, der der Weltraum ist.'
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Artikel geschrieben von:

Clara Hoffmann ist Serien-Redakteurin mit besonderem Fokus auf emotionale Drama-Serien und detailreiche Period Pieces.
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