Michael Shannon verkörpert Garfield mit stiller Wucht

Das Verlangen nach einem anständigen Politiker trifft hier auf echte Geschichte. Shannon verkörpert Garfield, einen Präsidenten, der 1881 nach sechs Monaten einem Attentat zum Opfer fiel. Zuschauer erwartet kein nostalgisches Kostümdrama, sondern ein Porträt, das die Gegenwart schmerzhaft spiegelt.
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Ein Präsident, fast vergessen
James Garfield regierte die Vereinigten Staaten kaum sechs Monate, bevor Charles Guiteau ihn 1881 erschoss. Damit gehört er zu den am wenigsten beachteten Präsidenten der amerikanischen Geschichte. 'Death by Lightning' holt ihn aus dieser Fußnote heraus.
Michael Shannon, bekannt aus 'Nocturnal Animals', 'The Shape of Water' und 'Revolutionary Road', spielt Garfield mit ruhiger Würde und innerer Stärke. Er sieht die Figur als Antwort auf eine kollektive Sehnsucht: 'Das ist doch das, was alle wollen, oder? Einen anständigen Menschen', sagt Shannon.
Für den Schauspieler ist die Serie mehr als historisches Drama. Er beschreibt sie als 'Wunscherfüllung in Form von Fernsehen' und meint damit den Kontrast zwischen Garfields Idealismus und dem politischen Zynismus, der heute wie damals die Schlagzeilen dominiert.
Garfields Erbe und seine Relevanz
Shannon betont, dass Garfield für konkrete politische Leistungen gewürdigt werden sollte. Der Präsident trieb die Gründung dessen voran, was später zum Bildungsministerium der USA wurde. 'Er glaubte, dass für eine freie und gleiche Gesellschaft jeder Zugang zu Bildung braucht. Das ist eine schöne Sache', sagt Shannon, und fügt mit Blick auf aktuelle Entwicklungen hinzu: 'Jetzt sehen wir leider, wie das abgebaut wird.'
Garfields Lebensgeschichte liest sich wie ein klassischer amerikanischer Aufstieg. Er begann ganz unten: Als er seine spätere Frau Crete kennenlernte, war er Hausmeister an der Schule, an der sie studierte. Shannon hält diese Biografie für authentisch und unverstellt: 'Er hat von ganz unten angefangen. Das ist kein Blödsinn. Das ist keine erfundene Geschichte. So war es.'
Die Serie konzentriert sich auf Garfields Kampf gegen den einflussreichen Senator Roscoe Conkling, der als Symbolfigur für Korruption und Patronage-Politik seiner Zeit steht. Parteiliche Grabenkämpfe, Machtmissbrauch, Einflussnahme hinter den Kulissen: Das Drehbuch zeichnet eine Ära, die dem heutigen Politikbetrieb erschreckend ähnlich sieht.
Macfadyen als beunruhigender Gegenspieler
Das dramatische Herzstück der Serie ist der Parallelismus zwischen Garfield und seinem Attentäter Charles Guiteau. Während Garfields Weg vom Bürgerkriegsveteranen über den Farmer zum zögerlichen Präsidenten den amerikanischen Traum verkörpert, steht Guiteau für dessen Kehrseite: Selbstüberhöhung, Wahnvorstellungen, narzisstische Selbstbezogenheit.
Matthew Macfadyen spielt Guiteau mit einer Präzision, die dem Zuschauer keine Distanz lässt. Shannon beschreibt den Kontrast zwischen beiden Figuren als universelle Weggabelung: 'Das ist eine Kreuzung, an der viele Menschen stehen. Menschen landen im Albtraum, weil sie zu sehr an sich selbst und ihre eigene Befriedigung denken. Das kann nur in einem Albtraum enden.'
Neben Macfadyen tragen Betty Gilpin, Nick Offerman und Shea Whigham das Ensemble. Gilpin spielt Garfields Frau Crete, deren Beziehung zu Garfield von Anfang an als gleichwertige Partnerschaft gezeichnet wird, nicht als bloße Staffage.
Geschichte als Gegenwartsspiegel
Shannon zieht selbst die Linie zur Gegenwart und tut das mit einem Lied. Er verweist auf einen Song aus den frühen 1980er-Jahren mit der Zeile 'Unser Präsident ist verrückt, hast du gehört, was er gesagt hat?' und stellt fest: 'Das Lied war im Grunde schon vor seiner Aufnahme wahr, zum Zeitpunkt der Aufnahme wahr und ist es viele Jahre danach noch.' Auch Garfield galt manchen Zeitgenossen als unzurechnungsfähig.
Shannon räumt ein, dass 'Death by Lightning' kein vollständig unparteiisches Porträt des 20. US-Präsidenten ist. Das sei aber kein Makel, sondern eine bewusste Entscheidung: Die Serie will Garfields Ideale sichtbar machen, nicht eine lückenlose Dokumentation liefern.
Die Epoche zwischen dem Ende des Bürgerkriegs und dem Beginn des Ersten Weltkriegs werde in der Popkultur häufig übergangen, findet Shannon. 'Death by Lightning' schließt diese Lücke mit einem Blick, der nicht nur historisch informiert, sondern politisch aufgeladen ist.
Emmy-Kandidatur mehr als verdient
Shannons Leistung in 'Death by Lightning' hebt sich durch ihre Zurückhaltung ab. Er spielt keinen Helden mit großen Gesten, sondern einen Mann, dessen Größe in seiner Gewöhnlichkeit liegt. Garfield schreit nicht, er überredet. Er droht nicht, er überzeugt durch Haltung.
In einem Fernsehsommer, in dem auch Claire Danes für ihre Arbeit geehrt wird und Lea Michele mit dem Broadway-Musical 'Chess' Schlagzeilen macht, darf Shannons Name in der Emmy-Debatte nicht fehlen. Seine Interpretation eines fast vergessenen Präsidenten ist präzise, politisch und zutiefst menschlich.
Wer 'Death by Lightning' auf Netflix sieht, erlebt eine Serie, die ihren historischen Stoff ernst nimmt, ohne trocken zu werden. Shannon ist der Grund dafür.
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Artikel geschrieben von:

Julia Fischer analysiert Serien mit besonderem Fokus auf erzählerische Details, Charakterentwicklung und Genre-Mix.
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