Ishiro Hondas Stoff von 1960 kehrt als Netflix-Serie zurück: Human Vapor

·07.07.2026, 02:01 Uhr·5 Min
Ishiro Hondas Stoff von 1960 kehrt als Netflix-Serie zurück: Human Vapor
Bild: Netflix · TMDB

Toho öffnet sein Archiv erstmals für eine Netflix-Serie. Human Vapor adaptiert Ishiro Hondas Kultfilm von 1960 als achtteilige Produktion mit Yu Aoi in der Hauptrolle. Das Oscar-prämierte VFX-Studio Shirogumi sorgt dafür, dass der gasförmige Killer von 1960 im Streaming-Zeitalter ankommt.

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Ein Kult-Klassiker kehrt gasförmig zurück

Human Vapor basiert auf einem Toho-Film aus dem Jahr 1960, damals inszeniert von Ishiro Honda, dem Regisseur, der sechs Jahre zuvor Godzilla auf die Leinwand gebracht hatte. Die Spezialeffekte stammten von Eiji Tsuburaya, dem Erfinder des praktischen Effekt-Handwerks, das später auch Ultraman prägen sollte. Innerhalb der japanischen Tokusatsu-Tradition, also dem Genre des Spezialeffekt-Kinos, sind beide Männer Legenden.

Die neue Serienversion erzählt die Geschichte eines mysteriösen Killers in Tokio, der seine Morde als gestaltloser, gasförmiger Körper begeht. Ein Universitätsprofessor explodiert live im Fernsehen, nachdem eine kriechende Dampfwolke in ihn eindringt. TV-Reporterin Kyoko, gespielt von Yu Aoi, und ihr früherer Geliebter, Ermittler Kenji Okamoto, gespielt von Shun Oguri, geraten in einen Fall, der weit über einen gewöhnlichen Mordermittlung hinausgeht.

Regisseur Katayama beschreibt gegenüber The Hollywood Reporter seine größte Herausforderung so: 'Was mich am meisten beschäftigt hat und worauf ich mich gleichzeitig am meisten gefreut habe, war die Frage, wie ich den Human Vapor selbst darstelle. Ich hatte noch nie einen Creature-Film gedreht und keine Erfahrung damit, etwas zu filmen, das ich nicht sehen konnte.'

Acht Jahre vom Anruf zur Serie

Der Weg zur Serie begann 2018, als Toho-Produzent Hyo Nian Yeon Sang-hos Kontaktdaten ausfindig machte, nach Korea flog und dem Regisseur zehn klassische Toho-Titel zur freien Auswahl vorlegte. Yeon, dessen Zombie-Thriller Train to Busan 2016 in Cannes gefeiert worden war und weltweit über 90 Millionen Euro eingespielt hatte, griff sofort nach The Human Vapor und lieferte binnen kürzester Zeit ein zweiseitiges Konzeptpapier.

Das Projekt stockte trotzdem jahrelang. Yeon stellte sich zunächst einen Kinofilm vor, doch die Kosten für die VFX eines gasförmigen Antagonisten sprengten jeden Rahmen, den Toho bereit war zu akzeptieren. Dann legte die Pandemie das Vorhaben auf Eis. Erst als Netflix in Japan Marktanteile gewann und koreanische Serien wie Squid Game global explodierten, fanden die Gespräche neuen Schwung. Human Vapor wurde zur Premium-Serie umgedacht, und Netflix-Co-Chef Ted Sarandos nannte das Projekt auf einem Earnings Call 2025 persönlich als Flaggschiff-Titel für 2026.

Yeon und sein Stammautor Ryu Yong-jae verbrachten vier Jahre mit den Drehbüchern. 2024 trafen sie sich in Seoul zu einem gemeinsamen Schreibretreat mit Katayama. 'Als koreanische Kreative in Japan oder japanische Kreative in Korea arbeiten, gibt es oft eine Fremdheit, weil sich die emotionalen Sensibilitäten unterscheiden', sagt Yeon. 'Ich habe in diesem Projekt sehr viele Gespräche mit Katayama und den Toho-Produzenten geführt, auch über die kleinsten Details des Skripts.'

Shirogumi und 48.000 Arbeitsstunden

Das VFX-Studio Shirogumi aus Tokio schrieb 2024 Geschichte, als Godzilla Minus One als erster japanischer Film überhaupt den Academy Award für die besten visuellen Effekte gewann, und das mit einem Gesamtbudget von rund 14 Millionen Euro und einem Team von gerade einmal 35 Künstlern. Damit schlug das Studio Hollywood-Produktionen wie Mission: Impossible Dead Reckoning Part One und Guardians of the Galaxy Vol. 3, deren VFX-Budgets ein Vielfaches betrugen.

Human Vapor stellte Shirogumi vor eine noch komplexere Aufgabe. Das Studio begann 18 Monate vor dem eigentlichen Produktionsstart mit der Arbeit. Am Ende standen 30 Monate VFX-Arbeit, 48.000 geleistete Arbeitsstunden, rund 900 bearbeitete Einstellungen und ein Team von etwa 230 Mitarbeitern.

Parallel dazu sichteten Produzent Hyo und sein Team über soziale Netzwerke Manga-Künstler und beauftragten rund 200 Konzeptzeichnungen, die mögliche Erscheinungsformen des Vapors erkundeten. Eyeline Studios, die hauseigene VFX-Einheit von Netflix, übersetzte diese handgezeichneten Entwürfe unter der Leitung von VFX-Supervisor Ryo Sakaguchi in eine computeranimierbare Bildsprache, bevor Shirogumi die Umsetzung übernahm.

Katayama und ein unbekanntes Gesicht

Für die Regie verpflichtete Toho Shinzo Katayama, einen der gefragtesten japanischen Filmemacher seiner Generation. Katayama arbeitete einst als Regieassistent bei Bong Joon Ho und zog sogar nach Südkorea, um bei dessen Film Mother mitzuwirken. Sein Serienprojekt Gannibal für Disney+ verschaffte ihm internationale Bekanntheit im Genre-Bereich. Katayama stellte zwei Bedingungen: Er wollte alle acht Folgen selbst inszenieren und tief in die Entwicklung eingebunden werden.

Die Besetzung der Titelrolle war eine eigene Herausforderung. Gesucht wurde jemand ohne jedes Vorimage auf der Leinwand. Katayama schlug Uta vor, bürgerlich Uta Uchida, 28 Jahre alt, bislang als Model tätig. Sein Stammbaum ist japanische Kulturgeschichte: Vater Masahiro Motoki gewann mit Departures den Oscar für den besten fremdsprachigen Film, Großmutter mütterlicherseits ist die verstorbene Kirin Kiki, Muse von Hirokazu Kore-eda und Nebenrolle in Palme-d'Or-Gewinner Shoplifters.

Weil Uta den Großteil seines Lebens als Englischsprecher verbrachte, unter anderem auf einem Schweizer Internat und als Basketballspieler an einer kalifornischen Universität, engagierte die Produktion eigens einen Schauspielcoach aus Hollywood. Netflix-Manager Yoshihiro Sato beschreibt die Figur so: 'Der Name Joker fiel in unseren Gesprächen sehr oft. Er ist im Grunde der Anti-Held, aber warum wurde er so? Das haben wir immer wieder diskutiert.'

Tohos Wette auf die Welt

Für Toho bedeutet Human Vapor mehr als ein einzelnes Projekt. Das Studio mit fast 90 Jahren Geschichte hat sein Archiv lange kaum genutzt, abgesehen von Godzilla. Produzent Hyo formuliert es direkt: 'Ich hatte das Gefühl, dass wir unser eigenes geistiges Eigentum jenseits von Godzilla nicht wirklich nutzten, und das schien mir eine Verschwendung.' Human Vapor ist Tohos erster Schritt in die Serienproduktion und gleichzeitig der erste Versuch, ein Franchise global zu exportieren.

Das Projekt bündelt dabei japanische und koreanische Filmkraft auf eine Weise, die in der Praxis selten vorkommt, obwohl die beiden Filmindustrien geographisch eng beieinander liegen. Yeon Sang-ho schrieb, Katayama inszenierte, Shirogumi lieferte die Effekte, Netflix stellte Plattform und Budget. 'Ob es der neue Schöpfer war, die Zusammenarbeit mit Netflix oder die Wiederbelebung unseres eigenen IP: Das war etwas, bei dem wir uns keinen Misserfolg leisten konnten', sagt Hyo. 'Wir haben wirklich alles gegeben.'

Netflix wartet seinerseits noch auf den japanischen Live-Action-Titel, der es mit Squid Game oder Shogun an globaler Strahlkraft aufnehmen kann. Human Vapor, seit dem 2. Juli weltweit auf Netflix verfügbar, ist der bislang deutlichste Versuch, diese Lücke zu schließen.

Quelle: NetflixZuletzt aktualisiert: 07.07.2026, 02:01 Uhr

Artikel geschrieben von:

Sophie Hartmann
Autor
Sophie Hartmann
Action-SerienScience FictionFantasy-Serien

Sophie Hartmann analysiert seit mehreren Jahren Serienwelten mit Fokus auf Action, Sci-Fi, Fantasy und Mystery.

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