Gedreht nach den Bränden: Wie Nemesis mit seinem Entstehungsort umgeht

·15.05.2026, 17:46 Uhr·4 Min
Bild: Netflix · TMDB

Wer LA liebt, sieht in Nemesis eine Stadt zwischen Glanz und Asche. Power-Macherin Courtney A. Kemp kehrte nach den Bränden mit einer 200-köpfigen Crew zurück, um ihr persönlichstes Projekt zu drehen. Matthew Law und Y'lan Noel liefern das Katz-und-Maus-Spiel, doch die Stadt selbst ist der eigentliche Hauptdarsteller.

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Los Angeles als neuer Seriencharakter

Wo Power einst New York als atmende, lebendige Figur in den Mittelpunkt rückte, übernimmt in Nemesis Los Angeles diese Rolle. Courtney A. Kemp lebt seit 20 Jahren in der Stadt und wollte genau diese persönliche Verbindung in die Serie einweben. Das sonnige, oft widersprüchliche Lebensgefühl der Metropole bildet den Rahmen für einen Konflikt, der beide Seiten des Gesetzes gleichzeitig beleuchtet.

Showrunnerin Tani Marole betont, dass LA in Nemesis kein bloßes Bühnenbild ist, sondern aktiv die Dynamik zwischen den Figuren formt. Die Straßen, die Kultur und die Widersprüche der Stadt prägen, wie Detective Stiles ermittelt und wie Coltrane Wilder seine Verbrechen plant. Diese Verortung verleiht der Serie eine Atmosphäre, die sich deutlich von klassischen New-Yorker Kriminaldramen abhebt.

Gedreht wurde die erste Staffel unmittelbar nach den verheerenden Bränden in der Region, was den Produktionsbedingungen eine besondere emotionale Schwere verlieh. Über 200 Crewmitglieder arbeiteten an der Umsetzung, viele von ihnen direkt Betroffene der Katastrophe. Diese Umstände flossen nach Aussage der Macherinnen in die Energie der Serie ein.

Literarische Wurzeln des Konzepts

Courtney A. Kemp beschreibt ihre Serien stets mit literarischen Referenzpunkten. Power verstand sie als Adaption von F. Scott Fitzgeralds 'The Great Gatsby', während die letzte Staffel der Serie strukturell an Shakespeares 'Richard III.' angelehnt war. Für Nemesis zieht sie eine weitere Quelle heran: das Buch 'L'Adversaire' des französischen Autors Emmanuel Carrère, das die psychologische Doppelnatur von Täter und Verfolger auslotet.

Dieser literarische Ansatz spiegelt Kemps akademischen Hintergrund wider. Sie hält einen Master-Abschluss in englischer Literatur und nutzt diese Grundlage, um Serienstoffe mit erzählerischer Tiefe aufzuladen. Auch Referenzen auf James Baldwin und Zora Neale Hurston fließen in ihr Schreiben ein und verleihen den Figuren eine kulturelle Vielschichtigkeit, die über das Genre hinausweist.

Tani Marole ergänzt diesen Ansatz durch ihre eigene Erzählperspektive und sorgt dafür, dass die literarischen Einflüsse nicht akademisch wirken, sondern als lebendige Charakterzeichnung spürbar werden. Figuren wie Phil, gespielt im Ensemble der Serie, oder Cleopatra Coleman, die eine zentrale Nebenrolle übernimmt, profitieren von dieser sorgfältig aufgebauten erzählerischen Grundlage. Auch Maggie Testa gehört zum Ensemble und trägt zur Vielstimmigkeit der Handlung bei.

Zwei Seiten des Gesetzes

Der Kern von Nemesis ist ein klassisches Duell, das Kemp und Marole neu interpretieren. Detective Isaiah Stiles, verkörpert von Matthew Law, und Profiräuber Coltrane Wilder, gespielt von Y'lan Noel, stehen sich als gleichwertige Gegner gegenüber. Keine Seite wird als eindeutig gut oder böse gezeichnet, beide Figuren folgen einer inneren Logik, die die Zuschauer nachvollziehen können.

Y'lan Noel bringt als Coltrane Wilder eine Lässigkeit und Intelligenz mit, die den Dieb zur tragenden Identifikationsfigur macht. Matthew Law setzt dem als Stiles eine kompromisslose Entschlossenheit entgegen, die den Detective zu mehr als einer bloßen Verfolgerfigur macht. Diese Parität zwischen den Protagonisten ist laut Kemp und Marole das dramaturgische Herzstück der Serie.

Cleopatra Coleman übernimmt eine Rolle, die zwischen den beiden Welten vermittelt und das Spannungsfeld zusätzlich auflädt. Die Konstellation erinnert an klassische Heist-Thriller, geht aber durch die Charaktertiefe und den literarischen Unterbau deutlich über das Genre hinaus.

Produktion unter besonderen Umständen

Die Dreharbeiten zur ersten Staffel begannen kurz nach den schweren Waldbränden in der Region Los Angeles, was die gesamte Produktion unter einen besonderen emotionalen Druck stellte. Mehr als 200 Crewmitglieder waren an der Umsetzung beteiligt, darunter viele, die persönlich von den Bränden betroffen waren. Kemp und Marole beschreiben diese Phase als herausfordernd, aber auch als gemeinschaftsstiftendes Erlebnis.

Trotz der widrigen Umstände entschied sich das Team, die Produktion fortzuführen und Los Angeles in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zu zeigen. Die Stadt nach der Katastrophe zu filmen bedeutete auch, ihre Widerstandsfähigkeit sichtbar zu machen. Dieser Kontext verleiht einzelnen Szenen eine Authentizität, die sich kaum inszenieren lässt.

Die Zusammenarbeit zwischen Kemp als kreativer Visionärin und Marole als ausführender Produzentin erwies sich als tragende Säule der Produktion. Beide betonen, wie wichtig ein klares gemeinsames Bild von der Serie war, um unter diesen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben.

Netflix als Heimat der Serie

Nemesis ist exklusiv auf Netflix zu sehen, und Kemp macht keinen Hehl daraus, dass sie die Plattform als idealen Ort für diese Art von Erzählung betrachtet. Die Serie ist als sogenanntes 'Single-Screen-Erlebnis' konzipiert, also als Stoff, der die volle Aufmerksamkeit der Zuschauer einfordert und belohnt. Kemp empfiehlt ausdrücklich, sich ganz auf Netflix einzulassen und die Serie in einem Zug zu erleben.

Staffel 1 ist seit dem 14. Mai 2026 auf der Plattform verfügbar. Ein offizielles Startdatum für Deutschland steht noch aus, ebenso Informationen über eine mögliche zweite Staffel. Angesichts des ambitionierten Konzepts und der hochkarätigen Beteiligten dürfte das Interesse an einer Fortsetzung jedoch groß sein.

Ob Nemesis ähnlich langlebig wird wie Power, das über mehrere Staffeln und Ableger lief, bleibt abzuwarten. Kemp hat bewiesen, dass sie Serienwelten mit literarischer Tiefe und populärem Unterhaltungswert verbinden kann. Mit Nemesis und Los Angeles als neuem Schauplatz setzt sie diesen Ansatz konsequent fort.

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Quelle: NetflixZuletzt aktualisiert: 15.05.2026, 17:46 Uhr

Artikel geschrieben von:

Anna Schneider
Autor
Anna Schneider
Science FictionFantasy-SerienMystery

Anna Schneider analysiert Serien von düsteren Mystery-Stoffen bis zu leichteren Komödien mit Fokus auf Erzählstruktur und Figurenentwicklung.

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